Autor: Klaas Ole Kürtz

Autor: Klaas Ole Kürtz

 

Zwischenbericht

Ich bin jetzt 33 Jahre alt. Ich verspüre weder eine Torschlusspanik um „wichtige Dinge“ zu erledigen, noch fühle ich mich in irgendeiner Form unfertig – zumindest was das Erreichen von persönlichen oder gesellschaftlichen Zielen angeht. Im Gegenteil. Ich verspüre heute den Drang nach Neuem, Mehr, Meer und Herausforderungen, mehr denn je. Ich weiß eigentlich auch gar nicht genau, was „wichtige Dinge“ sind. Ich glaube, das könnte das Gründen einer Familie sein. Vielleicht auch sesshaft zu werden. Oder ein getrimmter Rasen in einem Einfamilienhaus in einem neu gegründeten Neubauviertel am Stadtrand.

Mich hat das Alles noch nie so richtig interessiert. Ich wollte schon immer raus und weg, etwas erleben mit Menschen, die ich mag und Menschen kennenlernen, die ich vielleicht auch mögen könnte. Mich zog es auch schon immer in den Norden. Auf Reisen, in der Literatur und musikalisch (nur beim Thema Essen nicht. Es gibt kein vernünftiges Essen dort!!1). Ich glaube, ich habe da in meiner Mutter mein Vorbild:

Das Meer, das Wasser, die Schiffe und die salzige Luft teilen wir, wie viele andere Dinge im Leben. Das ist ziemlich absurd, denn ich lebe in Bayern. Das hat mit dem Meer nicht so richtig viel zu tun. Dennoch war und bin ich am Meer, bei den Schiffen, wirklich glücklich. Einfach nur, weil ich am Meer und bei den Schiffen bin.

Ich ziehe Mitte Januar nach Kiel. Gut 600 Kilometer von dem, was Andere ihre „Heimat“ nennen würden, entfernt. Warum und mit welchen Emotionen, will ich heute mit euch teilen. Vielleicht auch, um mir das selbst ein bisschen zu erklären.

Denn ich bin dabei vermutlich etwas zu emotionslos – oder unüberlegt.

 

Glücklich sein

 

Neben der Tatsache, dass ich nun seit gut 4 Jahren für das beste Unternehmen arbeite und weiter arbeiten will, das ich mir vorstellen kann, geht es mir um Glück. Meine Arbeitgeberin ermöglicht mir nicht nur, das wohl spannendste Projekt mit umsetzen zu dürfen, das es aktuell in Deutschland für mich gibt. Ich kann vor allem mit Menschen zusammenarbeiten, die mich glaube ich auch als Persönlichkeit weiterbringen. Solltet ihr das Gefühl kennen, einen Mentor zu haben, der euch persönlich und beruflich entwickeln kann, nur durch seine Art, wisst ihr, was ich meine.
Besonders schön ist das, wenn man es nicht erfinden muss. Sondern das Gefühl auch wirklich trägt und ernst meint. Authentizität. Ein Zauberwort.
Die berufliche Komponente ist wichtig, aber sie ist sicher nicht alles. Denn man kann sehr erfolgreich im Beruf sein. Wenn es persönlich scheiße läuft, wird das schnell enden.
Denn man wird unzufrieden, einsam und traurig. Eine Erfahrung, die ich durchaus auch schon machen durfte (!) – ich bin froh darum. Dazu später mehr.

Neben der Karriere geht es also eben auch um Glück. Nicht das Glück, das man beim Lotto spielen hat, sondern das Glück, das man empfindet, wenn man vor die Tür geht.
Das Gefühl des „glücklich seins“. Für mich ist es ein unumstößlicher Fakt, dass die Umgebung, in der ich lebe, einen maßgeblichen Teil zu  meinem „glücklich sein“ beiträgt.
Ich kann das auch nicht auf meine Wohnung, einen Platz oder ein Land begrenzen. Da gehört viel mehr dazu.

Liebe Menschen um sich zu wissen. Oder zumindest zu wissen, dass man daran arbeiten kann, liebe Menschen um sich zu versammeln.
Liebe zu empfinden, sich Liebe sicher sein zu dürfen und auf Liebe aufbauen zu können. Routine zu haben. Alltag leben zu dürfen. Sich selbst auf eine Entdeckungsreise zu begeben. Sowohl was die Umgebung betrifft, als auch eigene Handlungsweisen. Eigene Routinen aufzubrechen, Komfortzonen zu überwinden. Das Gewohnte zu verlassen, um sich an Neues zu gewöhnen, das man wieder verlassen kann, um dann wieder Neues zu entdecken.
Das klingt negativ und anstrengend. Eng verbunden mit Scheitern. Ich glaube, das ist es auch. Und heute weiß ich, wie wertvoll das ist.

 

Vom Scheitern

 

Wer mir auf Twitter folgt, konnte in letzter Zeit hin und wieder einige meiner (skurrilen) Gedankengänge zum Thema Scheitern verfolgen.
Einige taten das und haben mir für zum Beispiel die Aussage: „Wusstet ihr, dass Scheitern das Beste ist, das einem im Leben passieren kann?“ auch ein wenig Gegenwind entgegenkommen lassen.
Verständlich. Denn ich habe nichts dazu erklärt. Das will ich an dieser Stelle nachholen, denn das Thema Scheitern ist sehr eng mit meinem Umzug verknüpft.
Ich bin in meinem Leben so oft gescheitert, dass ich es gar nicht mehr zählen kann. Beruflich, privat, politisch. Aus den unterschiedlichsten Gründen. Weil ich zu jung und unerfahren war, weil ich nicht ehrlich war, weil ich mich zu wenig mit einem Thema beschäftigt hatte, zu faul war, mich zu sehr auf mein rhetorisches Geschick verlassen habe, aber sonst nicht viel zu bieten hatte.

Und jede dieser Erkenntnisse hat mich retrospektiv auf irgendeine Weise weiter gebracht. Ich konnte Erfahrung sammeln. Konnte lernen, wann ich diszipliniert sein muss und wann ich das mal sein lassen kann. Wie wichtig Empathie ist. Dass es – vor allem mit Personalverantwortung – nicht darum geht, das Arschloch zu spielen und den harten Max zu machen, sondern sich in Menschen hineinzuversetzen und kurzum einfach kein Arschloch zu sein. Ich wünsche niemandem zu scheitern. Und es ist selbstverständlich auch hier nicht so, dass jedes Scheitern immer einen progressiven Kern hat, wie es die Antilopen Gang so schön besingt. Es kommt auch darauf an, wie man Scheitern interpretiert. Für mich war ein Satz zu dieser Thematik sehr prägend:

Was hätte ich heute nicht gelernt, hätte ich dieses Problem nicht gehabt?

Früher hätte ich diese Sichtweise belächelt. Schönrederei. Ständig dieses positive Blicken auf die Dinge. Ist doch gelogen. Und ich glaube, manchmal ist es sogar gelogen. Aber darum geht es gar nicht. Es geht darum, dass Scheitern prinzipiell lehrreich ist. Somit ist es progressiv und somit bringt es mich im Leben weiter. Und trägt zum oben besprochenen „glücklich sein“ bei. Meiner Meinung nach wird Scheitern einfach prinzipiell negativ assoziiert. Wenn man Dinge nicht schafft, wird man dafür oft gerügt. Und genau dieser Umstand sollte sich ändern. Scheitern muss nicht zwangsläufig schlecht sein. Im Gegenteil. Man kann daran wachsen. Ich jedenfalls bin daran gewachsen. Insofern bleibe ich bei der Aussage: „Scheitern ist das Beste, das einem im Leben passieren kann.“ (Das gilt aber ersatzweise natürlich auch für Essen, Liebe, Rotwein, Boot fahren, Sex…)

 

Bye, bye, Bavaria!

 

Eigentlich soll man ja gar nicht „abrechnen“. Ich tu das aber trotzdem mal. Ich müsste und muss sehr vielen Menschen Danke sagen. Die werden hier namentlich keine Erwähnung finden, weil ich gar nicht allen gerecht werden könnte. Ich glaube aber, die Menschen, die mich in den letzten Jahren begleitet haben, egal, ob in der Arbeit, beim Partys feiern, beim Auflegen, in der Politik, oder meinem Alltag, wissen, dass ich auch traurig bin wegzuziehen und sie nicht mehr in meinem direkten Umfeld zu wissen. Aber für euch ist das Gästezimmer immer offen und es ist ja auch nicht so, dass ich nie wieder einen Fuß nach Bayern setze. Gerade mit Bayern will ich aber ein bisschen abrechnen. Bayern ist ein wunderschönes Bundesland. Die Berge sind toll. Ich liebe das Essen. Ich liebe das Bier und ich liebe Nürnberg. Ich liebe die Dialekte – zumindest die Meisten. Aber es ist einfach auch ein ekelhaft arrogantes, nicht lernwilliges, destruktiv konservatives Land. Natürlich bin ich mir dessen bewusst, dass es das in Schleswig-Holstein auch gibt. Da kann ich der Situation allerdings als erwachsener Mensch begegnen – nicht gezwungenermaßen als Kind und Jugendlicher. Oder als sehr politischer, junger Mann, der politisch nichts weiter lernen konnte als: Die Konservativen haben die Macht. Immer. Und überall. Ich habe Angst vor der Landtagswahl 2018. Und noch mehr Angst davor, dass es zu wenige Menschen gibt, die Angst davor haben. Ich hoffe, dass das nicht immer so bleiben wird und dass Herr Söder keine sehr unheilvolle Koalition eingehen wird. Dennoch hat auch das wieder etwas Progressives: Ich habe keine geographische Heimat. Ich bin an keinem Ort, also in einer Stadt oder so, beheimatet. Ich bin dort daheim, wo es mir gut geht und ich mich so eingerichtet habe, dass ich mich angekommen fühle. Ich glaube nicht an Heimat. Ich glaube, man schafft sich seine Heimat. Immer neu. Immer anders. Aber immer möglichst gut. Vielleicht muss ich aber auch das einfach noch kennenlernen.

 

Die Welt ist winzig

 

 

Ich habe das Gefühl, dass insbesondere meine engsten Freunde und meine Familie diesen Wegzug als etwas Schwieriges verstehen. Und das, obwohl ich noch nichtmal die Landesgrenzen verlasse – zumindest um ein paar Kilometer nicht. Ich glaube: Die Welt ist klein geworden. Es gibt gar keinen Grund zur Sorge. Internet, Telefon, die Deutsche Bahn und die Lufthansa machen alles möglich. Es ist nur ein Teil des Abenteuers. Ab jetzt aber nur noch 10 Minuten vom Meer entfernt und mit Dielenboden. Ich wollte immer Meerblick und Dielenboden.

 

Ihr bindet einen Schleier vors Gesicht
und sagt, ihr müsstet unbedingt verreisen
nach Madagaskar, Schottland oder Meißen.
Wohin, ist Wurst. Nur bleiben dürft ihr nicht.

– Erich Kästner