Foto von Jonas M Luster

Foto von Jonas M Luster

 

 

Blockupy

 

Letztlich wurde ja eigentlich schon fast alles gesagt. Es gibt eine – meiner Meinung nach hervorragende – Stellungnahme vom eigentlich als Oberkrawallschachtel bekannten Abgeordneten Oliver Höfinghoff aus Berlin, dem ich sogar ein kurzes Zitat aus seinem Artikel widme, den übrigens insbeondere seine Kritiker lesen sollten:

 

Wir sollten uns also endlich fragen, worin der Sinn gewalttätiger Aktionen im antikapitalistischen Kontext besteht. Die Antwort muss differenziert ausfallen. Es besteht ein Unterschied, ob „besorgte Bürger“ gewaltsam davon abgehalten werden, eine Flüchtlingsunterkunft anzuzünden, die Räumung eines besetzen Hauses verhindert wird oder ob auf einer Demonstration Molotow-Cocktails auf Polizei oder Rettungskräfte geschmissen werden.

 

Worum es hier eigentlich geht: Es gibt die Diskussion, ob Gewalt ein legitimes Mittel ist, um Interessen – im weitesten Sinne – durchzusetzen. Nun kann man hier sehr schwarz-weiß denken. Muss aber tatsächlich genauer hinsehen. Ginge es nach mir, so sollte dürfte es gar keine Demonstrationen vor Unterkünften für Flüchtende geben, deren einziger Inhalt die Frage ist, wie man sie am besten wieder los wird – und dieser Frage vermummt und gewaltbereit Nachdruck verleiht. Es gibt sie aber. Sogar weit häufiger, als sich manche vorstellen wollen und können und sie werden – zumindest in der Praxis – vom Demonstrationsrecht gedeckt. Ich hielte Gewalt durch eine Gegendemo hier für legitim, wenn sie dadurch die Flüchtenden schützen können oder müssen. Denn hier werden Menschen bedroht, aus niederen Beweggründen attackiert und nicht selten verletzt oder schlimmeres. Natürlich wähle ich hier das Beispiel der Asylunterkunft, weil mich das Thema schlicht beschäftigt. Ich könnte aber auch andere Beispiele nennen. Und – auch wenn das einige meiner Bekannten vielleicht nicht gerne lesen – da gehören auch durchaus Polizeireviere dazu, die eben angegriffen werden, weil sie angegriffen werden. Aus Rache. Aus Lust an fliegenden Flaschen. Oder weil halt 1312. Infantiler Blödsinn.

 

 

Was tun, mit Gewalt?

 

Ich halte Gewalt – auf welchen Veranstaltungen auch immer – für bekloppt, wenn sie

 

1. Bereits im Vorfeld kein konkretes Ziel verfolgt, sondern nur dem Selbstzweck dient.

2. Nachweislich keine Veränderungen herbeiführen kann.

3. Sie dem Zweck nicht angemessen ist.

4. Keine akute Notwendigkeit vorliegt, gewaltsam zu agieren.

 

Selbstverständlich gibt es Situationen, in denen Gewalt ein probates Mittel ist, um Situationen zu durchbrechen. Dazu braucht es aber mehr, als den Kapitalismus, wenn es nach mir geht.

Es mag vorwurfsvoll klingen, aber mir begegnen immer mehr Menschen, die sich an einem ungeheuren Demo-Tourismus erfreuen, ohne sich eigentlich mit der dahinterstehenden Thematik beschäftigt zu haben.
Das ist ein generalisierter Vorwurf und trifft nicht jeden und insbesondere nicht jeden gleich stark – man muss sich nicht tiefer mit der Materie beschäftigen, um gegen Nazis auf die Straße zu gehen.
Da reicht nunmal die Tatsache, dass es Nazis sind. Und ich will mich auch gar nicht unter den allwissenden Scheinwerfer der großen Ahnung der Weltpolitik stellen und so tun, als wäre ich noch nie dabei gewesen.

Und dennoch wünsche ich mir, dass Demonstrationen wieder ein anderes Gewicht bekommen.
Sowohl in der Politik, bei den Demonstrierenden und bei der Polizei – denn in Frankfurt haben sich alle drei Akteure nicht gerade mit Ruhm bekleckert.

 

 

 

Was vergessen wird.

 

Natürlich kommt auch dieses Argument immer wieder – und ich bin auch nicht der Erste, der es in dieser Diskussion einbringt. Neben all dem materiellen Schaden, neben der Angst der Anwohnenden, neben all dem, was durch diese Randale kaputt gemacht wurde – und was bei „dem Kapitalismus“ und „den Großen“ keinen langfristigen Eindruck macht: das Zeug hat eine Versicherung für eine Versicherung – hat die Blockupy-Bewegung vor allem eines verspielt:

Das Gehör der für sie so wichtigen „Mitte“. Die Menschen, die sich deren Protest angesehen haben, auch wenn er keine überwältigende mediale Aufmerksamkeit mehr bekommen hat. Die sich vielleicht auch nur wegen der damals stattgefunden Proteste überhaupt für das Thema Kapitalismus interessiert haben. Die eben doch begriffen haben, dass es zwischen Antikapitalismus und Kapitalismuskritik einen Unterschied gibt und die vielleicht bewusster versucht haben zu leben. Natürlich kann die Maximalforderung nach dem Fall des Kapitalismus gestellt werden. Die Erfahrung zeigt aber, dass Maximalforderungen weit weniger gut ausprobiert, akzeptiert und angenommen werden. Und es ist schade, dass ein so wichtiges Thema gerade durch diese Bewegung – vermutlich mal wieder wegen ein paar Pappnasen – nun negativ konnotiert ist. Es gibt da übrigens eine Analogie zu einer anderen Bewegung! Wer sie errät, bekommt bei nächster Gelegenheit einen Aufkleber!

 

 

Was tun?

 

Ich weiß es nicht. Jedenfalls keine Gewalt an den Tag legen, wenn sie nicht akut nötig ist. Das Argument „Kapitalismus tötet“ lasse ich nicht gelten. Alles tötet. Irgendwie, irgendwo. Ja, das ist ein Problem, ja, wir müssen etwas dagegen tun, nein, damit ist noch immer nicht gemeint, Polizeiautos anzuzünden. Der „Feind“ sitzt anderswo und wird durch Aktionen der Art nur in seinem Handeln bestärkt. Eigentlich bleibt nur die politische Lösung. Und natürlich ist mir bewusst, dass seit Dekaden versucht wird, diese herbeizuführen. Eine bessere Lösung fällt mir leider auch nicht ein. Was ich aber weiß, ist, dass für politische Lösungen vor allem Überzeugungskraft nötig ist, weil nur dann Transparenz, der Abbau von Korruption und Hinterzimmer-Verträgen realisierbar ist. Und nur so lassen sich die vielen Schattenseiten des Kapitalismus verändern.

 

 

Fazit

 

Ich bleibe dabei: Ich halte einen fairen Kapitalismus für weit entfernt, aber für möglich. Ich möchte deswegen auch gar kein Antikapitalist sein, sondern halte Kapitalismuskritik für den Mittelweg, der langfristig am sinnvollsten ist. Natürlich rede ich mich da leicht, in meinen Plüschhausschuhen, vor meinem 28 Zoll-Bildschirm, während ich mein Spezi trinke. Reicht also Aufmerksamkeit für das Thema? Auch das weiß ich nicht. Gefühlt setzt diese Aufmerksamkeit und das Verantwortungsgefühl für die Menschen, die durch unseren Kapitalismus ausgebeutet werden, aber langsam ein. Es ist nur leider allzu europäisch, sich auf kleinen Erfolgen auszuruhen und Themen nicht weiter zu forcieren. 

Ich beende – wie gehabt – mit einem Zitat.

 

Der Kapitalismus gleicht einem Pferd:

Um dem Menschen nützlich zu sein, müssen ihm Zügel angelegt werden.