Foto vom Frittenbuddhist!

Foto vom Frittenbuddhist!

 

 

Triste Tage

 

Natürlich kennt die jeder. Du kannst glaube ich der positivste Mensch sein, den man in der ganzen Stadt kennt: Irgendwann hat jeder ein paar Tage, die ihm einfach unglaublich auf den Wecker gehen. In letzter Zeit habe ich einige davon. Das hat viele Gründe. Irgendwas mit (zu) viel Arbeit, zu wenig Zeit und überhaupt sollte alles doch noch ein klein bisschen anders laufen. Klar ist auch, dass sich das vermutlich schon bald wieder gibt. Insbesondere weil ich Jahr für Jahr einen guten Freund habe, der mich dabei unterstützt. Ja, seltsam, eine Jahreszeit als Freund zu bezeichnen. Aber lasst mich ein bisschen erzählen, ihr werdet euch vielleicht auch wiedererkennen. Vorher bedanke ich mich aber herzlich bei Peet. Der hat mir das tolle Titelfoto spendiert. Ich habe es ausgewählt, weil es ziemlich genau den Geruch beschreibt, von dem ich gleich erzähle. Besucht seinen Blog oder folgt ihm bei Twitter! Da gibt’s mehr davon!

 

 

Frau Schaller

 

Eigentlich wollte ich heute zeitig Feierabend machen. Ihr kennt das. Man kommt dann etwas früher. Um im Endeffekt etwas länger zu bleiben. Als ich mich irgendwann einigermaßen angefressen auf den Heimweg machte, stieg ich extra einige Stationen früher aus dem Bus, weil ich mir dachte, dass ein kleiner Spaziergang durch den Stadtpark nach Hause meinem Gemüt vielleicht wieder ein Grinsen ins Gesicht kloppen könnte. Ich kramte mein Handy heraus und setze meine Kopfhörer auf, während ich meinen Kopf in meinem Mantel vergrub. Ich wählte die Live-Version von Jóga von Björk. Ich betrat den Park und dann ging alles ganz schnell. Schlagartig war ich 8.

 

Mit 8 wohnte ich in einem verschlafenen Ort mit etwas mehr als 10.000 Einwohnern. Mein Fußweg in die Schule führte mich täglich durch den hiesigen Stadtpark, der genau so roch, wie der, den ich gerade durchquerte. Das nasse Holz, die verrottenden Blätter und das dampfende Wasser, das in Pfützen die Tropfen der noch übrigen Blätter an den Bäumen, wie in kleinen Teichen sammelt. Der Geruch von Pilzen, nach Tannenzapfen, Kastanien und Eicheln, die hin und wieder mit einem leisen Echo von den Ästen zu Boden fallend, im Gras dumpf aufschlagen. Das Geplapper der Enten im Teich, denen ich als Kind – jeder einzeln (sic!) – einen Namen gab. Entilo, Entila, Entilu… Ich tauschte einfach immer den Vokal am Ende aus. Zum Schluss hatten wohl 10 Enten den selben Namen. Ich konnte sie aber selbstverständlich alle auseinanderhalten und habe sie täglich besucht – denn jeden Tag hatte ja eine Geburtstag. Es musste so sein, bei so vielen Enten.

 

Ich schloss immer wieder kurz die Augen während ich ging, um meinen „Schulweg“ wahrzunehmen, der im Herbst besonders schön war. Als Kind konnte ich dem Läuten der Glocken folgen, denn die Kirche war von der Grundschule nur wenige Meter entfernt. Wenn man das Schulhaus betrat, roch es – vermutlich nur „gefühlt“ – besonders zu dieser Jahreszeit nach frischem Gebäck. In der großen Pause aß ich beinahe immer Vollkornplunder. Was drin war, war mir meist egal. Für mich war immer nur der Teig interessant. Wenn man das Klassenzimmer der 3b betrat, konnte man den Duft von frisch gespitzten Bleistiften wahrnehmen. Im Hintergrund eine kalkige Nuance der Wasserfarbmal-Kästen, die vom Malen am Vortag trockneten. Im Schulhof standen zwei große Kastanienbäume, deren Früchte wir als Kinder gerne aufgesammelt haben, um daraus Figuren mit Zahnstochern zu basteln. Unsere Klassenlehrerin, Frau Schaller, half uns dabei. So ein klein wenig könnte ich ihr diesen Blogpost widmen. Denn leider verstarb sie noch während ich in der Klasse war, an Leberkrebs. Sie war eine tolle Lehrerin und ich erinnere mich gern an sie. :) Nach etwa 30 Minuten, die ich durch den Stadtpark lief, habe ich ihn durch ein altes Sandsteintor wieder verlassen. Und ich glaube, das war auch genau die richtige Dosis und der Spaziergang beschäftigt mich noch immer.

 

 

 

Und die Moral von der Geschicht?

 

Ich glaube, die könnte unfassbar melancholisch sein. Vielleicht vom Sterben der Natur oder von der Grausamkeit tödlicher Krankheiten. Sie könnte davon handeln, dass das heutige Bildungssystem es kleinen Schulen, wie der in Hilpoltstein – das ist der Name besagter Kleinstadt meiner Kindheit – extrem schwer macht und Kinder im heutigen Schulwesen untergehen. Vielleicht auch, dass Parks oft – nicht immer – nur noch zu groß geratene Gärten mit Rasenkanten sind. Weißem Kies, der sorgfältig ausgetragen kleine Straßen formt. Ohne jeden Wildwuchs zuzulassen. So ist es mittlerweile auch im Park in Hilpoltstein. Eigentlich will ich aber nur sagen: Erinnert euch auch an den Weg von der Schule nach Hause. An den heißen Kakao daheim, den Duft nach Streichhölzern, die gerade die Kerzen angezündet haben. An die unmissverständlichen aber liebevollen Mahnungen eurer Mutter, wieder im Haus zu sein, wenn die Laternen angehen. Und an die Kastanienfiguren, die ihr selbst gebastelt und voller Stolz nach Hause getragen habt, um sie auf eure Fensterbretter zu stellen. Lasst uns mehr Kastanien sammeln und öfter mal einige Stationen früher aus dem Bus steigen, um durch den Park nach Hause zu gehen. Denn den Geruch bekommt man – Gott sei Dank – weder bei Google noch in einem Bildband geboten. Und weil noch während ich diesen Text schreibe, das penetrante Java-Update aufpoppt, das mich momentan täglich nervt, ich aber zu faul bin, es zu installieren, geh ich jetzt spazieren. Im Park. Zu den Kastanienenbäumen. :)

 

 

DSC_0167

 

 

Ach, diese ewig grünen Bäume, warum können sie nicht einmal blau sein…

– Gotthold Ephraim Lessing