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Foto: Paul Ketz http://www.paulketz.de/

 

 

Pfandring – Die Gefahr auf der Tonne

 

Nürnberg. Täglich begegnen einem hier tausende Menschen, die schlaftrunken mit dem Blick auf das Smartphone-Dispaly versunken wie Zombies durch die Stadt irren. Sie würden sich vermutlich noch nicht einmal durch den Einschlag eines Kometen vor ihren Füßen ablenken lassen, bevor sie jemanden über den Haufen rennen. Mindestens die Hälfte dieser Menschen geht auch sorglos – ja, auch vor den Augen der lieben Kinderlein – bei rot über die Ampel. In einer Stadt mit ordentlich Verkehr und großen Straßen, in der Tat hier und da nicht ganz unriskant. Wem dieser Nervenkitzel noch nicht genügt, der badet im Silbersee – eine der lebensgefährlichsten Adressen in der Frankenmetropole – und das ist mein voller Ernst.
Aber – keine Sorge – Nürnberg wird künftig nicht noch gefährlicher. All hail SÖR! Sie retten unsere Kinder!

Warum ich mich so aufrege, versuche ich jetzt mal in aller nötigen Sachlichkeit zu erklären.

 

 

„Mal steht eine Flasche drin, mal auch gar keine.“

 

Falls es jemand noch nicht weiß – was ich nicht dramatisch finde: Pfandringe sind an sich einfache Kisten oder Ringe aus Kunststoff, die zum Beispiel an Mülleimern angebracht werden, damit Menschen nicht im Müll wühlen müssen, sondern sich die im Pfandring abgestellten Pfandflaschen einfach mitnehmen können. Irgendwas mit Menschenwürde und so.

Am 22.07.2014 berichteten die Nürnberger Nachrichten, unter Berufung auf das Sozialamt Nürnberg und den SÖR, dass Menschen, die darauf angewiesen sind, Pfandflaschen aus Mülleimern zu ziehen, das System der Pfandringe gar nicht wollen. Begründung: Joa. Eigentlich gibt es zu Beginn keine. Es wird sinngemäß irgendwas von „die wühlen ja kaum noch in Mülltonnen“ oder „die haben solche Greifdinger“ erzählt. Was auch immer das damit zu tun hat, dass diese Menschen das nicht wollen. Raff ich nicht. Dann gibt es das Argument, dass in dem Pfandring mal nur eine Flasche steht, dann mal gar keine. Aha. Joa. Mission completed, oder? Ich frage mich, ob man da – ähnlich der Autobahnen – den ganzen Tag Studierende hingesetzt hat, die dann gezählt haben: „Flasche drin. Flasche weg. Zwei Flaschen drin. Eine Flasche weg.“ Das ist doch Sinn und Zweck der Nummer: Menschen sollen diese Flaschen mitnehmen!

Die eigentliche Begründung findet sich im Artikel der NN dann aber ein paar Zeilen später. Nämlich: „alle High-Tech“ und „alle teuer“. Und warum sind sie teuer? Weil „die bisher eingegangenen Vorschläge für die Pfandringe gut gemeinte Ideen von Designern, Künstlern“ sind.

 

Man darf nun davon ausgehen, dass sich die Damen und Herren der entsprechenden Einrichtungen diesen verzapften Unsinn selbst oft genug durchgelesen haben, um dann festzustellen, dass diese Argumente ziemlich für die Katz sind.
Warum erläutere ich gerne kurz:

 

Selbst wenn man sich nicht mit Händlern wie z.B. Lemon-Aid einlassen möchte – was eigentlich ganz schön bekloppt wäre, denn bei denen könnte man die ein oder andere Kiste sogar umsonst bekommen – inklusive Befestigungsmaterial, sondern das alles nach „guter, fränkischer Marnier“ selbst bauen will, kann man eine simple Rechnung aufstellen:

 

 

  • 1 leere Pfandkiste (20×0,5) = 3,10 € Pfand
  • Menschen, die das alles aufhängen = Crowden! Was wäre das eine geile Kampagne: „Nürnberg cares!“ oder so ne abgedroschene Phrase. Einfach mal auf der Facebookseite von Nürnberg Menschen suchen, die das machen.
    Die dürfen dafür ein Jahr kostenlos ins Freibad. Horray! (Btw: Ich beteilige mich gern, nagel mich darauf fest, Nürnberg!)

 

Zugegeben, ganz so einfach wird es nicht werden. Aber ganz so kompliziert, wie man es im Artikel der NN von heute darstellt, sicher auch nicht. Denn eigentlich geht der Spaß jetzt erst richtig los…

 

 

 

DENK DOCH MAL EINER AN DIE KINDER!!1

 

Okay. Nun hat man dann wohl festgestellt, dass dieses „Kostenargument“ nicht wirklich haltbar ist. Dennoch berichtet die Zeitung heute, dass der SÖR dem Stadtrat empfiehlt, besagte Pfand-Halterungen nicht einzuführen. Zum einen wird wieder das Kostenargument angeführt. Zwei der Ringe sollen 1000 Euro kosten. Vermutlich müssten sie dafür zwar von Albrecht Dürer handsigniert sein, aber lassen wir diese absurde Zahl mal im Raum stehen – ich ging darauf bereits ein. Das viel bessere zweite Argument ist jetzt: Kinder könnten sich Kopf- und Gesichtsverletzungen zuziehen, wenn sie gegen die Pfandringe fielen.

 

 

Lest das mal nochmal.

 

 

 

Kinder könnten sich Kopf- und Gesichtsverletzungen zuziehen, wenn sie gegen die Pfandringe fielen.

 

 

 

Jeden Tag, wenn ich durch Nürnberg Slalom zwischen den ganzen Smartphone-Zombies laufe, die Kids über die roten Ampeln rennen sehe und mich frage, warum bei diesen ganzen hochgefährlichen Laternen und Telefonzellen, die in der Fußgängerzone aufgestellt sind, nicht längst Human-Rights-Watch eingeschritten ist, sehe ich auch ununterbrochen umfallende Kinder. Grade noch bei Pizza-Hut – ZACK! Kind umgefallen. Zwanzig Meter weiter bei H&M – BÄM! Kind liegt auf dem Boden. Meine Herren! Die Kinder fallen flach, das gibt schlechtes Wetter!

 

So eine schwachsinnige Begründung habe ich seitens der Kommunalpolitik wirklich noch nie in meinem Leben gehört.

 

Da macht die CSU (sic!) – ich fass es ja selbst nicht, aber es ist wirklich so – ein Mal einen vernünftigen Vorschlag, lässt das prüfen und dann kommt SÖR und erzählt was von:

 

 

Kinder könnten sich Kopf- und Gesichtsverletzungen zuziehen, wenn sie gegen die Pfandringe fielen.

 

 

Wem diese Begründung aber noch nicht populistisch genug ist, der kann sich auch darauf berufen, dass sich nicht alle Papierkorbmodelle für den Einsatz eignen. Auch das wird als Argument angeführt. Selbstverständlich gibt es in Nürnberg ausschließlich Mülltonnen. Verkehrsschilder? Pah! Laternen? Von wegen! Bäume, Bänke, Pfosten oder einfach nur freie Fläche: Gibt es in Nürnberg alles nicht! Es gibt ausschließlich Mülltonnen! Punkt! Schnee ist schwarz!

 

 

Lieber SÖR:

Wenn ihr keinen Bock auf euren Job habt, wenn eure Meinung ist, dass diese „ganzen Penner“ in Nürnberg eh nichts verloren haben oder wenn eure Kreativität nicht weiter als von „Haus“ zu „Maus“ reicht, dann ist das okay.
Aber sucht bitte keine billigen, populistischen Argumente, um eine eigentlich gute Sache im Keim zu ersticken. Holt euch Hilfe von außen, es gibt Menschen, die das ehrenamtlich und gerne tun. Ich schäme mich wirklich, dass so ein Unsinn in einer so wunderbaren Stadt wie Nürnberg verzapft wird. Mir tut das weh. Wirklich, wirklich weh! Es gibt genug Städte, in denen das wunderbar klappt. Orientieren könnt ihr euch da zum Beispiel an Bamberg.

 

 

Es gibt genau ein Argument „gegen“ den Pfandring:

Es kann und darf nicht sein, dass in einem reichen Land wie Deutschland Menschen im Müll wühlen müssen, um überleben zu können. Das könnt ihr als Argument bringen, um Druck auf die Politik zu machen.

Aber selbst das könnt ihr nicht als Argument verwenden, um den Pfandring nicht einzuführen. Schämt euch!

 

 

Heute also ein Zitat, an das man sich halten könnte:

 

 

Mir ist der Applaus wichtiger als der Kaviar auf dem Brot. Mir reicht auch die Marmelade.

– Klaus Marschall

 

 

 

Edit:

In der Tat habe ich eininge E-Mails mit sachlichem Feedback bekommen. Bei genauerem Überlegen komme ich nun also zu dem Entschluss, den Artikel in einem Punkt zu korrigieren:
Es ist nicht fair, dass ich allen Mitarbeitenden des SÖR eine „keinen Bock“-Haltung unterstelle.
Das war auch nie meine Absicht. Meine Absicht war, mit dem sprachlichen Stilmittel der Übetreibung meine Kritik zu intensivieren.
Ich ging davon aus, dass das deutlich genug wurde. Offenbar nicht: Ich bitte um Entschuldigung.