Autor: Xylophilon aus der deutschsprachigen Wikipedia

 

 

Mindestlohn – blanker Hohn

 

Weil mir dieses Thema – das bei den ganzen internationalen Krisenherden zugegeben nicht unbedingt die höchste Priorität genießt – momentan ständig durch die Timeline schwappt, möchte ich es kurz aufgreifen: Der Mindestlohn. Einsteigen will ich in diesen kurzen Blogpost mit ein paar Zitaten:

 

„Wer trotz einer Arbeit einen zu niedrigen Lohn erzielt, sollte eine attraktive Aufstockung vom Staat erhalten.“

Hans-Peter Friedrich am 21.2.2010

 

„Wir glauben, hier würden wir Barrieren aufbauen, wo Menschen sonst den Einstieg in einen Aufstieg für ihr Leben finden könnten.“

Angela Merkel am 2.7.2008

 

„Klar ist: Einen gesetzlichen flächendeckenden Mindestlohn wird es mit uns nicht geben, da er Hunderttausende von Arbeitsplätzen kosten würde.“

Ronald Pofalla am 11.3.2007

 

Stimmt schon, die zitierten Damen und Herren gehören alle zur Union. Und dennoch muss man sich die Zitate auf der Zunge zergehen lassen.

 

Friedrich sagte bereits 2010 voraus, dass er weiterhin Beschäftigungsverhältnis akzeptieren möchte, von denen Menschen nicht leben können. Ich bin durchaus der Meinung, dass Menschen mit unterschiedlichen Qualifikationen und unterschiedlicher Leistungsbereitschaft auch unterschiedlich verdienen können sollten. Das schließt aber nicht mit ein, dass im gleichen Atemzug Armut gebilligt wird. Genau das hat er jedoch bereits damals so prognostiziert und – und das ist noch schlimmer – legitimiert.

 

Die Aussage der Kanzlerin ist sogar noch irgendwie nachvollziehbar. Die Unternehmer werden natürlich noch intensiver darauf achten, ob und wen sie beschäftigen. Dass es dann zu einem noch heftigeren Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt kommt, kann ich mir durchaus vorstellen. Dennoch: Jemand bekommt keine Chance auf beruflichen Erfolg, weil ein Mindestlohn – meiner Meinung nach ein Menschenrecht – eingeführt werden soll? Sollte man sich dann nicht eher die Frage stellen, ob etwas mit unserer Wirtschaftsethik nicht stimmt?

 

Den Vogel aber schießt (erneut) Pofalla mit seinem Geschwätz ab. Klare Ansage meinerseits: Wenn der flächendeckende Mindestlohn hunderttausende Arbeitsplätze kosten würde, dann gilt es hier nicht von Arbeitsplätzen zu sprechen, sondern von Ausbeute und Willkür. Punkt. „Unternehmungen“, die einem Mindestlohn von 8,50 € nicht standhalten können, können nur funktionieren, weil sie auf dem Rücken der Mitarbeitenden ausgetragen werden. Arbeitsplätze dieser Art sollte es erst gar nicht geben. Und nein, das Argument: „Sonst hätten diese Menschen aber ja gar keine Arbeit!“ lasse ich nicht gelten. Wir reden hier von 8,50 in der Stunde! Achja… die 8,50…

 

 

8,50! Endlich fängt das Leben an! \o/

 

8,50 € klingt ja eigentlich gar nicht so schlecht, oder? Wer hat sich schon mal dabei erwischt, dass er sich ausgerechnet hat, dass 8,50 € ja eigentlich 17 Mark sind?
Vor allem aus meiner Generation, die in den 80-gern geboren wurde? 17 Mark in der Stunde, mensch, das war viel Geld! Joa, schon. Für Kinder und Teenager mag das stimmen.
Fakt ist aber eben, dass sich seitdem viel getan hat. Nämlich dass wir erwachsen wurden, Mutti den Kühlschrank nicht mehr befüllt und – und damit verteufle ich die neue Währung keinesfalls, das ist ein normaler, volkswirtschaftlicher Prozess, der uns auch mit der Mark getroffen hätte – das Geld ist weit weniger wert als damals – logisch.

Rechnen wir es aber einfach mal durch.
Wir nehmen den üblichen Vollzeitvertrag mit 163 Stunden im Monat.
Wir multiplizieren die 163 Stunden mit 8,50 € und kommen auf: 1385,50 €. Brutto. Na? wie klingt das jetzt? Rechnen wir weiter.
Bei einem Alter von 30 Jahren, wohnhaft in Bayern, Steuerklasse I, der Kirche zugehörig, ohne Kids und bei üblichen Steuern und Sozialabgaben kommen wir also auf einen Netto-Betrag von: 1.028,77 €.
Na? 8,50 €? Sind doch super Aussichten, oder?

Der aktuelle Mietspiegel in Bayern liegt bei Wohnungen bis 40m² bei 11,06 € pro m².
Geht man also von 40 m² Wohnfläche aus, bezahlt man 442,40 € Kaltmiete.

Der Deutsche Mieterbund errechnete für das Jahr 2013 einen Betriebskostenspiegel von 2,90 € pro m².
Wir kommen also auf 116 € Nebenkosten wie  z.B. für die Heizung, Gebäudereinigung und den Hausmeisterdienst.

Beim klassischen Stromverbrauch des Single-Haushalts von durchschnittlich 2000 kw/h im Jahr, bezahlt man monatlich im Moment durchschnittlich 41 € in Bayern.

Bei Telefon- und Internetdienstleistungen, kann man günstige Verträge ab 20 € bekommen.

 

1028,77 € Arbeitsentgelt
– 442,40 € Kaltmiete
– 116,00 € Nebenkosten
– 41,00 € Strom
– 20,00 € Telefon/Internet

= 409,37 €

 

Das bedeutet, es bleiben – sofern man in einer warmen Wohnung wohnen will, in der man auch erreichbar ist, 409,37 € monatlich zur Verfügung.
Klingt eigentlich ganz gut, oder? Lasst uns weiter rechnen.

 

Ich bediene mich dazu der aktuellsten Zahlen des statistischen Bundesamtes, welche eine andere Quelle schön übersichtlich aufgearbeitet hat. Hier werden die Kosten für Lebensmittel, Bekleidung und Schuhe, Innenausstattung, Haushaltsgeräte und -gegenstände, Gesundheitspflege, Verkehr & Mobilität sowie Freizeit, Unterhaltung und Kultur angeführt. Ausgaben für Bildung, Reisen, Wohnen & Nachrichtenübermittlung rechne ich bewusst hinaus, da ich dazu oben aktuellere Zahlen gefunden und zugrunde gelegt habe oder es Alternativen gibt, die nicht mit Kosten verbunden sind oder nicht in jedem Haushalt anfallen. Ich rechne also für die, die ihre 8,50 € Mindestlohn gerade feiern lassen.

 

409,37 € Restbetrag nach Warmmiete
– 182 € Lebensmittel
– 58 € Bekleidung und Schuhe
– 62 € Innenausstattung, Haushaltsgeräte und -gegenstände
– 60 € Gesundheitspflege
– 172 € Verkehr (wobei das – zugegeben – je nach Nutzung stark unterschiedlich sein kann)
– 161 € Freizeit, Unterhaltung, Kultur
= 285,63

 

 

Was bedeutet das jetzt? Das bedeutet, dass nach den aktuellsten Zahlen ein Mindestlohn von 8,50 € für einen Singlehaushalt nicht ausreicht, um davon zu überleben. Und zwar ganz massiv nicht. Denn wenn einem 285,63 € im Monat fehlen, ist das verdammt viel Geld. Und das selbst, wenn man auch noch das Auto oder die Bahn gegen das Fahrrad tauscht. Ich möchte nochmal zum Zitat von Hans-Peter Friedrich kommen. Natürlich ist der Politik bewusst, dass das der Fall ist. Ansonsten würde man solche Aussagen wie Friedrich auch gar nicht treffen. Jedem ist klar, dass 8,50 € nicht ausreichen, um ohne staatliche Unterstützung zu überleben. Und dennoch wird er nun implementiert. Man feiert sich als soziale Hochburg, in der es allen gut geht und niemand in prekären Arbeitsverhältnissen steht. Die ganze Geschichte kann also mal wieder relativ locker enttarnt werden: Populistisches Wirtschafts-Marionetten-Spiel. Noch immer regieren uns Großkonzerne weit mehr als das eigentliche Souverän. Noch immer hat man in der Politik keinen Mut, eine echte Balance zwischen – ja ebenfalls wichtigen – wirtschaftlichen Interessen und staatlichen Aufgaben – der Sicherung der Existenzen – zu forcieren. Aber man verkauft es so. Und das regt mich auf.

 

Man legitimiert die Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen, deren Entlohnung unter der Armutsgrenze liegt. Und feiert sich auch noch dafür. Pervers.

 

 

Populismus kann ich auch!

 

So. Und weil ich populistisch ebenfalls kann, kommt diese Grafik zum Einsatz:

 

Quelle: abgeordnetenwatch.de

 

Ganz offensichtlich ist die Einkommenssituation der Abgeordneten im Bundestag ähnlich schlecht.
Es bleibt also nur eine Zweitbeschäftigung, um über die Runden zu kommen.
Eines allerdings dürfte offen bleiben:

Wie man den Menschen, die künftig mit 1385,50 € brutto auskommen sollen, erklären kann, dass ein Abgeordneter auf Bundesebene – der seine Aufgabe dort meiner Meinung nach als Vollzeitjob verstehen sollte – im Jahr 492374 € – neben seinem eigentlichen Job – mehr verdient, als er.

Auch heute ein Zitat zum Schluss. Einer meiner Lieblingsautoren.

 

Ein Mensch, den andre nicht gern mögen,
Den von des Lebens Futtertrögen
Die Glücklicheren, die Starken, Großen
Schon mehr als einmal fortgestoßen,
Steht wieder mal, ein armes Schwein,
Im Kampf ums Dasein ganz allein.
Dass er uns leid tut, das ist klar:
Sofern es unser Trog nicht war.

– Eugen Roth