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Projekt „Freiheit“.

 

Ich habe seit Oktober nicht mehr gebloggt. Die Gründe sind vielfältig. Der vermutlich simpelste: Ich bin umgezogen. Aus diversen Gründen. Ich wollte eine größere Wohnung, ich wollte endlich Stuck, ich wollte in die Stadt und überhaupt einfach mal was anderes. Das bringt ja auch mit sich, dass man einen neuen Internetanschluss braucht. Kurzum: Solltet ihr in Erwägung ziehen als künftigen Provider „M-Net“ zu wählen – ich kann nur davon abraten. 3 Monate der Offtime gehen auf deren Kappe. Zurück zum Thema. Es hat sich sehr viel in meinem Leben verändert. Die neue Wohnung, ein extrem großartiger Job, der Austritt aus der Partei, die ich so lange unterstützt habe und mein Blick auf die Situation Internet. Der Post wird also kaum politisch (ein paar Worte zu den Gründen, warum ich ausgetreten bin, will ich dennoch verlieren) dafür – erneut – ziemlich persönlich. Aber natürlich nur, wenn ihr Lust habt.

 

 

In vino veritas

 

Man könnte es beinahe als krankhaft bezeichnen. Aber sobald ich eine Wohnung betrete, in der sich ein Stuckateur auf filligrane Art und Weise der Deckengestaltung hingegeben hat, fühle ich mich schlagartig wohl. Es hat für mich etwas wohnliches, gemütliches, warmes. Ich verbinde das mit Kerzenduft, flackerndem Licht und Rotwein. Ich mag Rotwein. Im Wein liegt die Wahrheit. Darum wollte ich das endlich haben. Und bin unter anderem deswegen noch näher an Nürnberg gezogen. Außerdem war es Zeit. Ich werde 30 und wollte mehr Platz haben. So wurden aus 1,5 Zimmern nun 3 Zimmer und aus 2,40 Deckenhöhe 3,00 Meter. Ich wohne gegenüber eines Parks in einem traumhaften Altbau. Wann die Wohnungseinweihungsparty stattfindet? Na, die, die es erfahren sollen, werden das früh genug tun. Das zum Umzug.

 

 

Schluss mit Politik!

 

Hier und da würde man sich darüber vermutlich freuen. Ich muss aber dennoch enttäuschen: Nein, ich werde immer ein politischer Mensch sein. Politisch engagiert, interessiert und – wenn nötig – eskalierend. Und dennoch bin ich im November bei den Piraten ausgetreten. Nach langer Zeit bin ich parteilos und werde es wohl auch bleiben. Was ich nicht tun werde: Menschen dafür verantwortlich machen. Das mögen sie durchaus sein. Aber vermutlich nicht viel wesentlicher als ich. Dennoch hat sich die Partei verkauft – und das bemerken im Moment wohl doch noch einige mehr. Das liegt an keinem Linksruck. Das liegt auch nicht daran, dass Bernd Schlömer die Partei kaputt gemacht hat – das hat er nicht. Das haben wir in erster Linie selbst. Wir sollten uns eingestehen, dass es ein großer Fehler war, nahezu alles und jeden aufzunehmen, den man nun mit größtem Aufwand wieder versucht loszuwerden. Die Vorstände hatten nicht den Mut zu Ordnungsmaßnahmen oder Parteiausschlussverfahren, was zu immer neuen Problemen mit den immer selben Personen geführt hat. Das größte Problem aber: Der Großteil wurde Mandatsgeil, wie es kaum in Worte zu fassen ist. Kandidaturen für Direktmandate – okay. Kann man machen, war ohnehin aussichtslos und nur mit Arbeit verbunden. Aber da gab es auch ziemlich viele, die sich alles hätten schnappen wollen, was sie bekommen hätten können. Noch schlimmer: Diese Menschen wurden sogar teilweise gewählt. Ich war in zig Mumbles und auf zig Veranstaltungen, in denen man beinahe im Chor hören konnte: „Hauptsache jemanden aufstellen!“

Nein.

Das ist eben nicht die Moral, wegen der ich in diese Partei eingetreten bin. Und bei aller Progressivität: Da hätte man mal konservativ sein dürfen. Denn Moral ist nicht zwangsläufig immer etwas schlechtes – im Gegenteil. Was sich die Piraten vorwerfen lassen müssen? Die Politiker- und ja, auch die Politikverdrossenheit, nur intensiviert zu haben. Und das in weniger als 6 Monaten. Es war ein Trauerspiel. Ich werde es dabei belassen. Ich könnte darüber Stunden schreiben, aber ich will dieses Thema schlicht beenden und denen, die noch versuchen wollen, irgendwas zu retten, viel Glück wünschen.

 

 

 

Internet – Fluch und Segen

 

Und dennoch gibt mir das die Möglichkeit, einen passenden Übergang zu schaffen. Ich werde bestimmt nicht in ein theatralisches „Mimimi“ verfallen. Wer mich kennt, weiß, dass mir das nicht liegt. Was ich aber sagen will, ist, dass mir das im Moment alles etwas zu schnell geht. Ich habe das Gefühl, ich werde von den Möglichkeiten der Technik und der Netzwelt überholt. Und dass wir sie zu größten Teilen falsch nutzen. Was früher noch Problem der Layer-8-User war, ist heute beinahe üblich – weil kaum noch jemand wirklich hinterher kommt. Ich sehe meine Kinder auf elektrischen Kettcars sitzen. Die große digitale Revolution wird die größte Bedrohung für die Freiheit. Und ein Großteil derer, die das begriffen haben und es vielleicht auch besagtem Layer-8-User begreiflich machen könnten, unterschreiben eine Petition bei Change.org und interpretieren ihre demokratische Pflicht damit als erledigt. Mit Glück wird der Link noch bei Twitter geteilt. Gleichzeitig wird aber der WhatsApp-Stealthy installiert, weil man es kann. Ich würde mich durchaus als Kind des Internets bezeichnen. Aber im Moment macht es mir mehr Angst, als es mir die Möglichkeiten aufzeigt, die zweifellos großartig sind. Ich hoffe, dass sich das so schnell wie möglich wieder ändert.

 

 

Und was ist mit dem Schiff?

 

Das ist gleich die nächste Überleitung: Ich glaube nicht wirklich daran, dass sich das ändert, ohne dass es kracht. Dafür ist das Instrument Internet für die Welt viel zu nützlich. Welche Möglichkeiten es gibt, das zu unterbinden, will und werde ich hier ebenfalls nicht ausführen. Da gibt es auch Menschen, die weit versierter sind, als ich es bin. Ich habe dennoch eines festgestellt: Ich will nicht mit 40 sagen, dass ich nicht auch gelebt habe. Ich habe nun fast 9 Jahre damit verbracht, Politik zu machen. In irgendeiner Form. Und das war schön. Aber im Moment will ich täglich in ein Flugzeug steigen und in die Welt. Und deswegen auch das Schiff. Ich will mit Mitte 30 entweder ein Hausboot, oder nach Schweden auswandern. Den ersten Schritt dazu habe ich durch den Job, den ich angenommen habe, bereits getan. Und wer weiß? Vielleicht läuft es ja optimal und ich muss mich gar nicht entscheiden, sondern kaufe mir einfach ein Hausboot in Schweden.  Und dann würde ich mich über Besucher freuen. Ein paar Tage, ganz analog. Und mit mehreren Flaschen Rotwein. Ich werde im Hausboot dann auch Stuck an die Decke anbringen.

Wie üblich, gibt es auch jetzt wieder ein Zitat zum Schluss:

 

Das Publikum beklatscht ein Feuerwerk, aber keinen Sonnenaufgang.

– Friedrich Hebbel