Wikimedia_bot

Wikimedia_bot

 

Triggerwarnung: In diesem Post geht es um Angst- und Panikstörungen. Überlegt euch also gut, ob ihr diesen Post lesen wollt, wenn ihr unter einer solchen Problematik leidet oder glaubt, es zu tun. Sollte jemand Kontakt suchen um sich auszutauschen oder Fragen zu stellen, findet ihr diese Möglichkeit unter dem Punkt „Kontakt“.

 

LH 2454

 

Diesen Blogeintrag will ich seit etwa 5 Jahren schreiben. Das ist aber so ne Sache. Warum ist schnell erklärt: Er lässt Einblicke in intimste Sphären zu. In eine ziemlich abgefuckte Zeit und ein ziemlich abgefucktes Problem.
Und ich schreibe ihn jetzt trotzdem. Das hat mehrere Gründe. Zum einen hat sich kürzlich auf Twitter unter dem Hashtag #isjairre eine sehr, sehr breite Gruppe mehr oder minder „geoutet“. Zum anderen weiß ich noch, wie es mir in der damaligen Situation ging. Ich habe nach Informationen und klaren Worten gesucht. Ich habe sie nicht gefunden. Obwohl es sie bestimmt gibt. Ich hoffe einfach, dass ich damit vielleicht dem ein oder anderen helfen kann, der Informationen sucht und Antworten haben will. Aber: Der Eintrag ist lang. Zumindest für meine Verhältnisse. Ich halte es dennoch für wichtig, detailliert zu sein.

Herzlich Willkommen bei Flug LH2454 von München nach Oslo.

 

 

Probleme sind subjektiv

 

Beinahe jeder wird in seinem Leben mal eine Zeit haben, in der er Probleme hat. Diese Probleme können vielfältig sein. Sie können finanzieller Natur sein. Es ist möglich, dass eine intensive Beziehung endet oder der Partner stirbt. Alkoholismus, Drogenabhängigkeit, Spielsucht, Obdachlosigkeit. Es ist genau so möglich, dass das Haustier stirbt oder man einen Berufs- und/oder Hochschulabschluss nicht gepackt hat. Was ich damit sagen will? Ich werde nicht auf meine Probleme von früher eingehen. Denn es würde rein gar keinen Sinn ergeben. Probleme und der Umgang mit ihnen sind subjektiv. Immer. Fakt ist: Probleme oder Zäsuren werden unterschiedlich verarbeitet. Ich würde aber auch kein Geheimnis daraus machen, ich halte es nur für einen Blog, in dem es nicht um „Mir ging/geht es so schlecht“ gehen soll, für deplatziert.

Ich war nach einiger Zeit aus dem Gröbsten raus. Ich hatte ein geregeltes Leben, alles war an sich cool. Ich habe sehr optimistisch in die Zukunft gesehen und alle Schwierigkeiten erledigt oder zumindest im Griff gehabt. Ich wurde ruhiger. Beinahe entspannt. Hatte eine Routine im Leben. An sich war alles okay, ich hatte keine wirklichen Punkte, von denen ich behauptet hätte: Das muss ich sofort ändern. Vielleicht war das der Auslöser: Ruhe und Zeit.

 

 

Angst vor der Angst?

 

Es klingt also beinahe zynisch. Alles ist super. Der Fernseher läuft. Mein Kamin brennt. Ein großartiger Abend. Ich spiele Computer, trinke Tee und will gleich in mein Bett gehen. Ich fühle, dass mein Herz beginnt, schneller zu schlagen. Ich denke gar nicht weiter darüber nach. Kann ja mal passieren. Das ist so ziemlich das Letzte, an das ich mich bewusst erinnere, aus diesem Moment. Alles, was danach kam, war ein Film. Ein ganz beschissener Film. Von „mein Herz schlägt schneller“ ging alles recht zügig. Mein Herz begann zu rasen. (Obwohl ich retrospektiv gar nicht mehr sagen kann, ob es das wirklich tat.) Ich konnte mein Herz hören. Im Hals, im Kopf, in jeder Faser meines Körpers. Ich habe Hyperventiliert. Mir wurde heiß und schlecht, ich bekam keine Luft mehr.

Kennt ihr das Gefühl elementarer Angst? Angst davor, zu sterben? Ich rede nicht von den (durchaus berechtigten und ja sogar sehr sinnvollen) Ängsten vor einem riesigen Käfer an der Wand. Oder auf einem hohen Gebäude: „Scheisse, Alter, das ist ECHT hoch!“ Ich rede von einer tiefen, existenziellen Angst. Dem Gefühl, den Verstand zu verlieren. Ich glaube, dieses Gefühl muss man erlebt haben, um es nachvollziehen zu können. Ein bisschen wie Liebe. Die Angst, im nächsten Moment setzt das Herz aus und man stirbt einfach. Ist weg. Schwarz. Zack. Aus.

Exakt diese Angst hatte ich damals.

Ich war zu Beginn noch so gegenwärtig, dass ich auf den Balkon lief. Weil ich dachte, frische Luft könnte helfen. Sie half aber nicht. Ich dachte erst, ich hätte eine Kreislaufschwäche (Warum auch immer, ich hatte nie ein Problem damit, aber es kann ja immer mal passieren). Ich habe mich auf mein Sofa gelegt, die Beine nach oben. Sinnvoll, an sich. Wie lang? Keine Ahnung. 5 Minuten? 15? Vielleicht auch 30. Ich weiß es nicht. Es hat sich jedenfalls angefühlt, als wäre es eine Ewigkeit. Wie oft habe ich in der Zeit darüber nachgedacht, den Notarzt zu rufen. Warum tat ich es nicht? Weil mein Telefon etwa 5 Meter entfernt stand. Und ich hatte Angst davor, dass ich aufstehe, dann umkippe und ersticke oder eben einfach sterbe. Ich blieb liegen. Irgendwann war alles vorüber. So schnell wie alles gekommen war, war alles wieder vorbei.

Ich Vollidiot. Rückblickend betrachtet wären das durchaus Symptome gewesen, die einer ärztlichen Begutachtung nicht geschadet hätten. Und doch: Ich ging nicht zum Arzt oder in die Klinik. Ich ging in mein Bett. Ich habe den Fernseher angeschalten und nach einer Weile einfach geschlafen. Hätte ich das mal gelassen.

 

 

„Okay. Du kannst jetzt den Notarzt rufen.“

 

Der nächste Morgen. Zu diesem Zeitpunkt habe ich noch nicht studiert, sondern habe mir meine Brötchen durch Erwerbsarbeit verdient. Ich ging also ins Geschäft. Ich dachte darüber nach, was am Vorabend passiert war. Ich hatte zig Erklärungen. Auch, weil ich so ein bisschen medizinischen Sachverstand durchaus habe. Ich fand viele Erklärungen. Alle waren eine legitime Antwort auf das, was passiert war. Ich hakte das Thema relativ schnell ab. Denn mir ging es ja gut. Etwa 4 Wochen. Ich war wieder im Geschäft. Mein Alltag war ganz normal, wie vorher auch. Ich habe dieses Ereignis in dieser Nacht nie ärztlich abklären lassen. „Kann mal passieren“. Wie so oft. An dem Tag zog es mir beinahe die Schuhe aus. Ich bemerkte, dass mein Herz wieder schneller zu klopfen begann. Dieses mal allerdings war alles anders. Das Gefühl, den Verstand zu verlieren (also, die Kontrolle über mein Tun und Handeln) war bereits bei der leichten Erhöhung des Pulses deutlich stärker. Die ganze Sache hat sich viel, viel schneller entwickelt, als beim ersten Mal. Warum kann ich mir rückblickend einfach erklären. Ich hatte Angst, vor der Angst. Ich hatte Angst davor, mich wieder so fühlen zu müssen, wie beim ersten Mal. Mit dem Unterschied: Hier würden es alle sehen. Wenn ich hier umkippe, können das alle sehen. Jeder, der im Laden ist. Kollegen, Kunden. Alle. Ich kann mich nicht einfach hinlegen und kurz „innehalten“. Ich kann nicht einfach mal raus gehen und Luft schnappen. Ich muss gerade funktionieren. Aber ich kann gerade nicht funktionieren. Was also tat ich? Ich ging in den Sanitätsraum. Ich legte mich auf eine Liege. Doch es war anders, als beim ersten Mal. Meine Herzfrequenz blieb nicht konstant hoch, sondern wurde (vielleicht auch nur gefühlt) immer höher. Zu diesem Zeitpunkt war ich sicher: Ich muss Herzkrank sein oder einen Infarkt (etc.) haben. In meinem Alter. Wow.

Ich habe niemanden um Hilfe gebeten. Warum auch immer. Ich weiß es nicht. Es scheint Teil dieses Problems zu sein. Denn ich tat das skurrilerweise nie, auch bei den folgenden Attacken nicht. Und dennoch kam irgendwann jemand am Sanitätsraum vorbei, sah mich da liegen und setzte sich zu mir. Ob denn alles in Ordnung sei. Ob ich einen Arzt brauche. „Nein. Geht gleich wieder.“ Wieder. 5 Minuten. 15. 30. Keine Ahnung. Und dennoch der Unterschied. Die Herzfrequenz blieb nicht gleich. Ich hatte das Gefühl, dass mein Herz bei der nächsten Kontraktion meinen Kopf zerreißt. Meinen Hals zerfetzt. Mir wurde schwummrig. Mittlerweile waren zwei Kollegen da, denen ich vorher eindringlich sagte: „Keinen Arzt. Geht gleich wider.“ Ging es nicht. Kurz, bevor ich gefühlt mein Bewusstsein verlor, hörte ich mich ruhig sagen: „Okay. Du kannst jetzt den Notarzt rufen.“ Das taten sie auch. Der Arzt war schnell da. Glaube ich. Und ich weiß im Nachhinein auch, was er mir gespritzt hat. Diazepam. Valium, kurz zu sagen. Es ging mir rasend schnell besser. Ich wurde in die Klinik gebracht. Und am selben Tag auch wieder ohne Befund entlassen. Mein EKG war super. Die Blutwerte schick. Mir ging es ja auch wieder ganz gut? Ich war ein bisschen wackelig auf den Beinen, aber es war okay. Mein bester Freund holte mich ab und fuhr mich heim. Was ich hätte tun sollen? Am nächsten Tag zum Arzt gehen, wie es mir in der Notaufnahme angeraten wurde. Was habe ich am nächsten Tag getan? Ich ging arbeiten. Mir ging es ja gut. Kann ja mal passieren…

 

 

„Sorry, da hab ich schon andere Pläne.“

 

Kurzum: Diese Symptome haben sich in den darauffolgenden Wochen immer und immer wieder gezeigt. Insgesamt werden es etwa 8 oder 10 dieser Attacken gewesen sein. Beim Frisör. Beim Einkaufen. In Zug. In ganz unterschiedlichen, völlig normalen Situationen. Mal mit Notarzt, mal ohne. Irgendwann lies ich mich durch meinen Hausarzt in die Klinik einweisen. Ich hing da etwa 14 Tage an der Telemetrie. Das Ergebnis war für mich zu diesem Zeitpunkt zum Kotzen: Ein Herz (fast) wie aus dem Lehrbuch. Wunderbar. Eine kleine Macke am Herzen gibt es, die ist jedoch eingestellt und ewig bekannt. Sie war auch definitiv nicht Auslöser des Problems. Blutwerte: Super. Belastungs-EKG: „Sie sind zu schwer, aber dafür gut in Schuss!“ Ich wollte eigentlich nur eine Diagnose!

Sagt mir zur Hölle, was ich für ein Problem habe und behebt es!

Ich war zu diesem Zeitpunkt bereits 8 Wochen im Krankenstand. Großes Kino. Selbst nach dem MRT: Nichts. Absolut nichts. Körperlich völlig in Ordnung. Ich entließ mich auf eigene Verantwortung selbst. Während meinem gesamten Aufenthalt in der Klinik, hatte ich keine dieser Attacken mehr. Die Zeit nach der Klinik war im Prinzip der Startschuss zur wohl schrecklichsten Zeit, die ich je hatte. Wir reden hier von einem Zeitraum von etwa 4 Monaten, die ich mit Diagnostik, Attacken und Unwissenheit verbracht hatte. Danach wurde in meinem Leben alles etwas anders. Ich hatte ständig Angst. Ununterbrochen. Ich wollte nicht Zug fahren. Was, wenn ich wieder eine Attacke bekomme? Ich ging nicht mehr zum Frisör. Was, wenn ich wieder eine Attacke bekomme? Ich „konnte“ selbst nicht mehr einkaufen gehen (!). Was, wenn ich wieder eine Attacke bekomme? Ich war weiter im Krankenstand. Kurzzeitig, aber wirklich nur kurzzeitig, habe ich ernsthaft darüber nachgedacht, ob ich so weiterleben möchte. Ich hatte sogar Angst vor dem Sommer. Denn da wird es heiß, das belastet den Kreislauf und… was, wenn ich wieder eine Attacke bekomme? Angst, vor der Angst. Täglich. Von früh bis spät. Bei allem (!) was ich tat. Mit Freunden in einen Club gehen? In einen Freizeitpark? Zum Wandern? Motorrad fahren? Alles das, was ich vorher täglich absolut selbstverständlich und mit Freude getan habe, habe ich immer mit: „Sorry. Da hab ich schon andere Pläne“ beantwortet. Der größte Fehler, rückblickend betrachtet. Aber was hätte ich denn tun sollen?

 

 

„Sind Sie akut suizidgefährdet? Nein? Wartezeit auf den Therapieplatz etwa 6 bis 9 Monate.“

 

Mir blieb eigentlich nur noch, daran zu glauben, dass ich „nicht alle Tassen im Schrank habe.“ Ich wollte zumindest die Option nicht ausschließen. Ich habe nie geglaubt, dass ich ein psychisches Problem habe. Aber man kann es zumindest versuchen. Alle anderen Optionen wurden ja mehrfach ausgeschlossen. Ich rief also bei Psychotherapeuten und Psychiatern in der Umgebung an. Die selbe Frage habe ich immer wieder gestellt bekommen: „Sind Sie akut suizidgefährdet? Nein? Wartezeit auf den Therapieplatz etwa 6 bis 9 Monate.“ Und jetzt? Soll ich so 6 bis 9 Monate oder noch länger weiter machen? Das konnte ich gar nicht. Das Geschäft musste laufen, irgendwie muss man weitermachen. Mir blieb also wenig übrig. Ich entschied mich dafür, privat dafür zu bezahlen, einen Therapieplatz zu bekommen. Nicht stationär, das war mir enorm wichtig. Keine Klinik. Ich wollte ich keine Klinik. Ich fand jemanden, der mir helfen wollte. Die Frau war nett. Reflektiert. Und verdammt gemein. Wofür ich ihr im Nachhinein unglaublich dankbar bin. Das erste mal hörte ich von dem Begriff „Phobophobie„. „Sie haben Angst davor, Angst zu haben, Herr Kegel.“ Sie traf es auf den Punkt, je mehr ich darüber nachdachte. Ich hatte keine Angst vor dem Zug fahren. Ich hatte auch keine Angst davor, beim Frisör ein Ohr abgeschnitten zu bekommen. Ich hatte Panik davor, in diesen Situationen in Panik zu verfallen. Exakt das. Nichts anderes. Angst, nicht die Kontrolle zu behalten. Aus einer Situation nicht entkommen zu können. Was ich tun solle, habe ich gefragt. „Konfrontieren Sie sich einfach damit. Fahren Sie Zug. Lassen Sie sich die Haare schneiden.“ Mein Geld ging bald zur Neige. Solche Sitzungen sind weit, weit teurer als man privat finanzieren kann – dauerhaft. Aber ich glaubte ihr. Und ich versuchte das umzusetzen. Ich ging einkaufen. Ich sagte mir: „Es geht dir körperlich gut. Du kannst jederzeit entkommen, wenn du willst.“ Ich habe das in der folgenden Zeit immer so gehandhabt, wenn ich etwas tat. Ich habe Situationen bewusst analysiert. Und doch kam es hin und wieder noch zu kleinen Panikschüben – natürlich. Nach etwa einem Jahr, ich ging wieder arbeiten und konnte wieder einkaufen, habe ich wieder ein relativ regelmäßiges Leben geführt. Zu glauben, dass das einfach war, wäre lächerlich. Ich habe jahrelang damit gekämpft. Jede Situation, die ich beschritt, war mit diesem Kampf verbunden. „Es kann nichts passieren. Du kannst immer fliehen!“ Mal ging das besser, mal gar nicht. Mal konnte ich zum Frisör, mal nicht. Meine Lebensqualität war enorm beschnitten. Nichts war mehr, wie es mal war. Nach einigen Monaten wurde jedoch einiges wieder zur Routine. Und so ging das. Bis vor etwa drei Jahren…

 

 

„Dørene lukkes!“

 

Ich würde gerne sagen, dass mir eine Therapie geholfen hat. Oder Medikamente. Ich bekam eine Weile Mirtazapin von meinem Hausarzt. Grausam, das Zeug. Ich lebte einfach weiter. Ich würde gerne sagen, dass mein Umfeld sich besonders für mich interessiert hätte. Das kann ich aber nicht, was auch meine Schuld ist, da ich sie ja angelogen habe. Und dennoch: Ich konnte immer mehr einfach wieder tun. Weil ich es einfach wieder tat. Ich ging wieder in Clubs. Ich bin wieder Zug gefahren. Ich ging wieder einkaufen. Je öfter ich das tat, desto besser wurden diese Momente. Manche Situationen waren dennoch absolut undenkbar. Insbesondere die, aus denen ich eben nicht „entkommen“ konnte. Auf andere angewiesen war. Nicht einfach gehen konnte. Und dennoch wollte ich wieder das ganz normale Leben haben. Genau so, wie es vor den Panikattacken war. Und diese letzten Schritte in dieses normale Leben, habe ich ab dem Frühjahr 2013 unternommen. Ich habe mir wieder ein Motorrad gekauft. Anfangs war das tatsächlich noch etwas problematisch. „Was, wenn ich eine Panikattacke bekomme und vom Motorrad falle?“ Und auch das wurde mit der Routine besser. Dennoch fehlte quasi noch der letzte Schritt, um auch wieder meinem geliebten Reisen nachgehen zu können. Ich musste fliegen. Ich buchte den Flug LH 2454. Von Oslo nach München. Gibt es eine Situation, aus der man noch weniger entkommen kann? Ich glaube nicht. Über den Wolken. „Eingesperrt“ im Flugzeug.

Ich habe mir vorher einen genauen Plan gemacht. Ich habe mir klar gemacht, dass ich der Situation nicht entkommen MUSS. Ich kann sie einfach „durchleben.“ Ich habe mich mit zig Leuten unterhalten, die ich aus diversen Selbsthilfeforen kenne, die es ebenfalls gemacht (und größtenteils ebenfalls geschafft) haben wie ich. Ich habe beschlossen, dass ich während des Fluges in ein extra für diese Reise gekauftes Buch schreiben werde. Den Start beschreibe. Den Flug. Alles detailliert, den ganzen Flug über, um mich abzulenken. Das tat ich auch. Von der Ankunft an den Flughafen, über den Bus, der uns zum Flieger brachte. Den Start. Was ich fühle und wie mein Körper reagiert. Der Pilot wusste wohl, dass er mich an Bord hat. Er leitete den Start mit dem Satz: „Es geht los, wir starten!“ ein. Das kannte ich bisher von keinem Flug. Und ich bin oft geflogen. Er beschleunigte. Er beschleunigte weiter. Mein Herz begann zu klopfen und… ja. Das war’s. Es klopfte. Wie ein Herz das bei einem Start tun sollte. Denn das ist dennoch eine besondere, nicht alltägliche Situation. Zumindest nicht für mich. Insofern habe ich mir das einfach „erlaubt“. Was weiter passiert ist? Etwas, mit dem ich nie gerechnet hätte. Ich legte das Buch weg. Ich wollte nicht mehr schreiben. Ich wollte die Aussicht genießen. Ich wollte den Flug genießen. Und exakt das tat ich dann auch. Ich saß zwei Stunden da, habe aus dem Fenster gesehen und mich gefreut. Ich habe mich maßlos gefreut. Weil ich damals, als ich die Panikattacken hatte, nie gedacht hätte, dass ich das jemals wieder könnte. Wem ich danken muss? In erster Linie mir selbst. Das mag arrogant klingen, aber es ist objektiv betrachtet nunmal so. Das Gesundheitssystem hat mich ziemlich im Stich gelassen. Die Menschen um mich herum zum Teil ebenfalls, wobei ich ihnen das weder zum Vorwurf machen will, noch kann.

 

Ich stelle damit folgende Diagnose selbst: Ich bin wieder frei. Frei von der Angst, vor der Angst. Nur eines, das tu ich noch immer nicht: Achterbahn fahren. Aber ich glaube, das ist ein Verlust, mit dem ich leben kann. ;)

 

DSC00039

Ich beende in gewohnter Weise auch diesen Eintrag mit einem Zitat. Und wie häufig muss ein von mir sehr geschätzter Mann dafür dienen:

Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie.
– Erich Kästner