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Retrospektive & Tätigkeitsbericht

 

Gaaanz ruhig. Ich werde hier weder in tiefsten Pathos verfallen, noch das Ende der Piratenpartei heraufbeschwören.
Ich werde einfach nur eine kleine Retrospektive und meinen Tätigkeitsbericht abliefern. Warum tu ich das jetzt schon? Das hat rein praktische Gründe. Meine Amtszeit endet eigentlich erst am 19.10.2013.
Ich bin aber ab Übermorgen in Norwegen und werde danach schlicht nicht mehr dazu kommen. Kein Streit, kein Popcorn, keine Dramen. Sorry. :)
Ich will und werde hier auch keine Analyse der Piratenpartei formulieren, noch ferner liegen mir Vorwürfe irgendeiner Form. Wir wissen zum größten Teil durchaus, welche Fehler wir gemacht haben.
Kurzum: Meine Vorstandsmitgliedschaft im Bezirk Mittelfranken endet nach nun fast zwei Jahren. Von denen will ich ein bisschen erzählen. Eventuell um einen Einblick zu gewähren, was man da eigentlich so macht.
Wie viel Arbeit das ist. Und weil ich einfach mal Bock hab, mir das alles von der Seele zu schreiben. So genug. Los geht’s.

 

Retrospektive

Wem mein Gesülze zu lang ist, kann hier die tl;dr-Version lesen. Kurz: War geil. Höhen und Tiefen. Teurer Spaß. Frisst irre viel Zeit. Man lernt superviele, meist echt coole Menschen kennen. Manche sind großartig, manche ätzend.
Wie im echten Leben. Mir hat’s Spaß gemacht, ich werde mich vielleicht irgendwann wieder darum bewerben. Danke an die, die es mit mir ausgehalten haben. ♥

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So und hier ist die XXL-Version. Warum eigentlich dieses völlig bekloppte Titelbild? Aufkommende Emotionen? WTF? Leicht erklärt: Es tut schon ein bisschen weh. Die letzten zwei Jahre waren noch intensiver, als die Jahre davor, die ich mich politisch engagiere. Das liegt wohl daran, dass wir im Vorstand zum Teil einen sehr, sehr intensiven, teils sogar freundschaftlichen Kontakt hatten. Das lag einfach daran, dass wir größtenteils einfach auf einer Wellenlänge lagen. Wir haben zusammen Geburtstage gefeiert, gestritten, gelacht und viel, viel organisiert und initiiert. Das fordert, aber was fordert macht meistens eben auch großen Spaß. Ich habe mich einfach wohl gefühlt, weil ich gemerkt habe, wenn etwas ganz gut lief. Zumindest kann ich von dem Bezirk, in dem ich tätig war, beinahe gar nicht sagen, dass es zu Anfeindungen gekommen ist. Mir gegenüber, zumindest. Kritik gab und gibt es, das sollte auch niemals aufhören. Solange man sie sachlich und konstruktiv anbringt. Das fehlt an mancher Stelle leider noch gehörig. Aber das ist überall im Leben so. Will sagen: Die Attribution die man erfährt, stärkt einen selbst. Und dann kann man sie auch weitergeben. Das wird mir schon sehr fehlen. Und darum ist das schon ein bisschen mit Emotion verbunden. Nicht anders, als würde man den Arbeitgeber wechseln, in eine neue Stadt ziehen in einen neuen Stadtteil ziehen oder sowas. Ein lachendes, ein weinendes Auge.

Und wenn ich beim Thema Arbeitgeber bin, will ich da auch gleich bleiben: Wer glaubt, dass ein Vorstandsamt mit 10 Wochenstunden zu erledigen ist, sollte seine Kandidatur überdenken. Man kann sich noch so gut organisieren. Man kann sich noch so sehr vornehmen, dass es jede Woche mindestens einen parteifreien Tag gibt: Vergesst es. Unter 15 Stunden+ lässt sich das schlicht nicht handhaben. Insbesondere in Perioden, in denen Ereignisse wie Wahlen anstehen. Die Vorbereitung darauf ist umso intensiver. Und da kommt schon das nächste Problem: Diese Zeit muss anderswo abgezwackt werden. In den wenigsten Fällen geht das bei der Erwerbsarbeit. In den meisten Fällen wird das Privatleben darunter leiden. Ich kenne deutlich mehr als nur einen Fall, in dem eine Beziehung kaputt ging, weil einer der Partner zu viel Zeit in die Partei investiert hat. Das sollte man in die Überlegungen mit einfließen lassen. Dann: Nicht jeder Arbeitsschritt, den man erledigt, ist sichtbar. Korrespondenz, Telefonate, „am Laufen halten“ – das sind meist Dinge, die von außen nicht wahrgenommen – und somit auch selten mit Dank versehen werden. Deal with it. Wer nur durch „Dank“ oder gar „Aufsehen“ anderer zu motivieren ist, hat in Parteien wohl insgesamt schlicht eine kurze Halbwertszeit.

Das liebe Geld: Ja, man bekommt seine Fahrtkosten erstattet. Das bewegt sich, wenn man sich intern nicht anders einigt, auf dem normalen Level, wie er auch bei den meisten Arbeitgebern üblich ist. In der Regel ist es aber so, dass man sich darauf einigt, dass ein Teil zurückgespendet wird. Wer aber glaubt, dass die Sache damit gelaufen ist und man Null auf Null rauskommen würde, kann sich das auch direkt abschminken. Gehen wir nur mal von den Stammtischen aus. Man kann sich in keine Kneipe setzen und die 1,5 Liter-Falsche köstlichem Aldi-Wassers auf den Tisch stellen. Man gibt Geld für Demos aus. Man investiert in Visitenkarten. Mal hier, mal dort. Man wird nicht arm dabei, das wohl kaum. Aber aus Sicht eines Studenten kann ich sagen: Das ist ne harte Nummer. Ich konnte das zum Schluss nur noch leisten, weil ich als freier Mitarbeiter durch Texten Geld verdienen konnte und dabei meine Zeit absolut frei einteilen konnte. Man sollte sich also gut ansehen, wie viel Geld man zur Verfügung hat. Klar ist auch: Je umfangreicher die Gliederung wird, desto teurer wird der Spaß. Ich glaube, die Bezirksebene ist noch irgendwie machbar, als Student oder auch ALG-II Bezieher. Ab Landesebene wird man das – meiner Meinung nach – kaum mehr schaffen, wenn die Arbeit nicht darunter leiden soll.

Zum Schluss noch: Das Fell. Eines habe ich in dieser Partei schneller und intensiver lernen müssen, als je zuvor. Lern die Leute kennen und schätze sie dann ein bzw. urteile erst nach intensivem Kennenlernen über sie. Ich weiß nicht, wie vielen Leuten ich Vertrauen entgegengebracht habe, das leider lächelnd mit Füßen getreten wurde. Andererseits habe ich Menschen kennengelernt, die mich – so hoffe ich – den Rest meines Lebens begleiten werden. Man muss sich mit Verschwörungstheoretikern ebenso auseinandersetzen, wie mit emotional gebrochenen und hoffnungsvollen Menschen. Das klingt krass, es ist aber wirklich so. Es ist nicht die Regel, ich erinnere mich aber durchaus an das Beispiel einer Frau, deren Sohn in einem Klinikum (zwangs?)untergebracht wurde und die uns um Hilfe gebeten hat. Fakt ist: Wirklich viel tun kann man da als Partei nicht. Und es ist schon schmerzlich, das dann auch so sagen zu müssen. Man muss mit Anfeindungen rechnen. Man muss mit Neid und Intrigen rechnen. Insbesondere dann, wenn man nicht so agiert, wie sich andere das wünschen – obwohl das nicht besser oder schlechter sein muss. Ich bleibe hier dennoch immer der Meinung: Auf sich selbst hören. Auch die schlimmste Amtszeit endet mal und dann können einen die Personen (sofern es nur vereinzelt ist, wenn es ein gesamter Bezirk ist, sollte man sich hinterfragen. :P) ja schlicht aus dem Amt heben.

Ich glaube aber, dass das Allerwichtigste ist, sich nicht selbst auf- und/oder herzugeben. Es muss einem immer klar sein, dass das für einen selbst oder auch insgesamt einfach von jetzt auf gleich vorbei sein kann. Alle Menschen, die man dann intensiv um sich hatte, werden das dann weniger intensiv sein. Nicht, niemals, unter keinen Umständen bisherige Freundschaften, Beziehungen, was weiß ich, auf’s Spiel setzen, nur weil „die Partei immer Recht hat“. Das ist nicht so. Man darf das eigene Leben nicht aus den Augen verlieren. Und jetzt, insbesondere nach den Land- und Bundestagswahlen, fällt umso mehr auf, dass viele das nicht geschafft haben. Die Frustration ist teilweise enorm, der soziale Rückhalt bisweilen gefährlich zu vermissen. Einfach aufpassen. Auch auf sich gegenseitig. Ich möchte an der Stelle auch diese Reportage aus der ZDF-Mediathek empfehlen. Auch wenn es da eher um Mandatsträger geht, kann man das in Teilen durchaus auch auf Amtsinhaber anwenden.

To sum up

Ich bereue – rückblickend – keinen einzigen Tag. Es gibt immer mal Durststrecken. Wichtig ist, dass man miteinander redet und befähigt ist, sich selbst zu motivieren aber auch motivieren zu lassen. Andere motivieren zu können und ein gewisses Maß an Gelassenheit mitzubringen. Auch wenn einem das selbst ab und an fehlen mag, eine Grundlockerheit ist unabdingbar. Wer alle 14 Tage über einen Rücktritt nachdenkt, wird sich selbst nicht gut tun. Delegieren können. Danke sagen können. Das gilt aber nicht nur für die Vorstände. Objektiv zu betrachten – auch Inhalte von Leuten, die man einfach nicht abhaben kann. Und: Kritik annehmen zu können. Das jedenfalls hab ich für mich selbst ein Mal mehr gelernt, muss ich auch noch etwas üben. ;)

Vielen Dank an die, die es zwei Jahre mit mir ausgehalten haben, ich werd den „Job“ vermissen und wünsche den jetzt Nachfolgenden viel Erfolg und Spaß bei der Arbeit. ♥

 

 

Tätigkeitsbericht

  • Ich habe – bis jetzt – an insgesamt 618 Tagen das Amt des Politischen Geschäftsführer in Mittelfranken bekleidet.
  • Das entspricht:
    • 53435529 Sekunden
    • 890592 Minuten und 9 Sekunden
    • 14843 Stunden, 12 Minuten und 9 Sekunden
    • 618 Tage, 11 Stunden, 12 Minuten und 9 Sekunden
    • 88 Wochen, 2 Tage, 11 Stunden, 12 Minuten und 9 Sekunden
    • 20 Monate, 9 Tage, 11 Stunden, 12 Minuten und 9 Sekunden
  • Ich habe an Stammtischen, Infoabenden, Diskussionsrunden und Podiumsdiskussionen teilgenommen, auch weit über die Bezirksgrenzen hinaus
    • Stammtische & Infoabende z.B. in Roth, Schwabach, Nürnberger Land, Ansbach, Weißenburg, Erlangen, Neustadt an der Aisch
    • Diskussionsrunden & Podien z.B. in Nürnberg, Roth, Cham, Kiel, Hilpoltstein, Gunzenhausen
  • Ich habe in Zusammenarbeite mit vielen anderen Menschen Demos, Infostände und Kundgebungen geplant, organisiert und durchgeführt
    • z.B. ACTA, Gema, NSA, BDA, Christopher Street-Day, Südstadtfest Nürnberg, Altstadtfest
  • Ich habe die Vernetzung in die meisten anderen Bezirke Bayerns forciert und hoffe, dass dieser Kontakt auch so bestehen bleibt
    • Ja, okay, meistens waren es Partys, auf denen man sich kennengelernt hat. Aber ey?! So connected man auch! :D
  • Ich habe die Pressearbeit auf Bezirksebene koordiniert und versucht, möglichst sinnvoll und regelmäßig Berichte zu platzieren
    • Pressearbeit ist harte Arbeit, vor allem in einer kleinen Partei – ein täglicher Kampf
    • Ich habe mich und uns dabei aber nie verraten, sondern habe die Parteiinhalte und Ziele verfolgt
  • Ich war mit der Leitung der Geschäftsstelle beauftragt, die ich aber zeitnah an das Geschäftsstellenteam übertragen habe
  • Ich habe mit Behörden korrespondiert, so es meine Vertretungsberechtigung zugelassen hat
    • Es kommt immer drauf an, worum es geht und wer Zeichnungsberechtigt ist. Das hab ich auch immer beachtet.
  • Ich habe an Vorstandssitzungen teilgenommen, Beschlüsse mitgetragen, unterstützt oder abgelehnt
    • Sie haben mal kürzer, mal länger gedauert. Sie waren meist produktiv.
  • Ich habe bis dahin unerschlossene Gebiete für die Piraten erschlossen
    • Roth und Schwabach. \o/
  • Ich habe Mitglieder angeworben (und ich mach das sogar ohne Geld oder Gras ;) )
    • Ich werbe Mitglieder an, wenn es sich so ergibt. Nicht penetrant und vor allem: Ob unserer Inhalte. Nicht ob irgendwelcher Versprechungen oder Goodies. Punkt.
  • Ich war für die Piraten ca. 4900 Kilometer unterwegs
  • Ich habe insgesamt ca. 500 Euro an Fahrtkosten zurückgespendet
  • Ich habe unfassbar viel Blödsinn geredet. :D

 

Natürlich werde ich versuchen, am nächsten Bezirksparteitag den Tätigkeitsbericht vorzustellen. Aber ich kann im Moment noch nicht sicher sagen, ob das auch klappt. Das habe ich ja aber zeitnah angekündigt.
Zum Verständnis: Das ist kein Rücktritt. Das ist lediglich ein vorgelagerter Tätigkeitsbericht, weil ich in den nächsten Wochen keine Zeit dafür finde.

Das war’s! Danke für die Aufmerksamkeit!


Pinny