Pillendreher!

 

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Sodala. Das wird was längeres, ist mir – und uns – aber sehr wichtig.
Dieser Blogpost wurde von mir und meiner Partnerin zusammen, aber unabhängig voneinander, verfasst.

Ihr findet ihren Blog unter maere.org und ich lege ihn euch sehr an’s Herz.
Bei Twitter freut sie sich als Lillemaer über Follower.

Ich teile das in „Dominiks Teil“ und „Friekes Teil“ auf. Jetzt aber los.

 

Dominiks Teil.

 

Skurrile Situationen

Es ist Montag Morgen. Wir beginnen unseren Tag nicht mit einem Kaffee oder Tee, auch nicht mit einem Brötchen, sondern mit der Einnahme eines Medikamentes.
Betablocker, Antihistaminika, Schmerzmittel –  suchen wir uns einfach etwas aus.
Stellen wir uns dann vor, wir tun das nicht nur am Montag, sondern die ganze Woche. Und auch den ganzen Monat.

Sind wir konsequent:

Stellen wir uns vor, wir tun das über 5, 10 oder sogar 20 Jahre. Vermutlich schüttelt hier jetzt jeder den Kopf. Das will wirklich niemand. Mehr als genug Menschen müssen sich zwar ob bestimmter Krankheitsbilder damit arrangieren, wer jedoch darauf verzichten kann, tut das natürlich. Denn Medikamente nehmen zu müssen schafft nicht nur eine gewisse Abhängigkeit, sondern bringt auch immer Nebenwirkungen mit sich.
Das Skurrile: 53% der erwachsenen Paare verhüten mit der Pille. Bei Jugendlichen sind es sogar 70%. Funfact: Diese Pille muss jeden Tag genommen werden. Sonst ist das alles reichlich sinnlos.
Frage: Warum wird das – gefühlt – so leichtfertig getan?

 

Von Feminismus und Verhütung

Dass ich durchaus interessiert an Feminismus bin, weiß vermutlich jeder, der mich kennt.
Ich gehöre sicher nicht zu den Menschen, die sich darüber aufregen, wenn auf einem Verkehrsschild ein Männerfahrrad statt einem Damen-Bike abgebildet ist. (Wobei ich mich auch da frage, warum es überhaupt unterschiedliche Räder gibt? Anyway.)

Für mich geht die Sache mit der Pille schon etwas tiefer. Seitdem sie  seit 1960 als Verhütungsmittel auf die Märkte kam, hat sich doch einiges verändert. Bevor ich nun richtig vom Leder ziehe:
Auch hier gilt, dass jeder für sich selbst entscheiden muss und soll, was gut ist. Ich will niemanden bevormunden, ich bin überzeugt davon, dass die meisten Menschen sich tatsächlich Gedanken um das Thema machen.

Wenn auch vielleicht nicht umfangreich genug.

Ich möchte hier auch nicht von der medizinischen Indikation der Pille sprechen, sondern wirklich vom Verhütungsmittel. Es ist wichtig, das zu unterscheiden.

Welche Gründe gibt es, dass Frauen (Paare) sich also für sie entscheiden? Die Pille ist tatsächlich einigermaßen unkompliziert, würde ich behaupten. Mund auf, Tablette rein, runter damit, passt der Lack. So die Theorie. Problemtaisch wird das schon, wenn Frau sich übergibt, Durchfall hat, sie einfach mal vergisst oder Nebenwirkungen auftreten. Und die sind umfangreicher als man(n) vielleicht oft denkt. Migräne, Übelkeit und Stimmungsschwankungen sind da wohl die bekannteren. Dass es gerade zu Beginn der Einnahme aber auch zu Thrombosen kommen kann, ist meiner Meinung nach schon nicht mehr so bekannt. Und damit sind wir nur bei den Nebenwirkungen, die das Medikament auf den Körper hat. Schlimm genug, zweifellos. Eine andere Nebenwirkung wiegt für mich aber fast noch schwerer.

 

Erneut – Das Frauenbild

„Ach, die nimmt sicher die Pille.“
„Soll sie sich halt die Pille holen?“
„Tja. Mit Pille wär das nicht passiert.“

Manchmal gruselt es mich, wenn ich mich mit Menschen unterhalte. Und Kommentare dieser Art kommen bei weitem nicht nur von Männern. Auch mehr als genug Frauen betrachten die Pille als problemloses, unkompliziertes und somit eigentlich perfektes Verhütungsmittel. Ich sage:

Schmeißt das Ding in die Tonne.

Ich frage mich, warum sie so glorifiziert wird? Denn das liegt sicher nicht nur an der simplen Handhabe.

Sondern zu großen Teilen eben auch an einem gewissen Anspruch, den Menschen heute an Sexualität haben. Die eigentlich ständige „Verfügbarkeit“ der Frau. Die Sicherheit als Mann, dass man sich ja keine Sorgen machen muss. Für Verhütung ist ja gesorgt. Genau diese Werte vermitteln heute auch durchaus Frauenärzte an junge Mädels. Und so manifestiert sich dieses Bild wieder in der Gesellschaft. Die Frau ist eigentlich für die Verhütung verantwortlich, schließlich muss sie das Präparat ja schlucken. Warum sollte ich mich als Mann dann damit beschäftigen? Mal mit zum Frauenarzt gehen und mir das alles anhören? Ist doch egal. Kann ich ja eh nichts machen. Auf einschlägigen Web-Portalen die „speziell für Frauen“ [m(] da sind, gibt es sogar nur einen Grund die Pille wieder abzusetzen: „Der bes­te Grund sicherlich: Allmählich wünscht sich Frau ein Baby.“

Wie skurril ist das bitte, dass es mittlerweile als völlig normal gilt, dass mehr als jedes zweite Paar teilweise über Dekaden mit Hormonen verhütet? Obwohl es da eigentlich eine Alternative gibt, die bei richtiger Anwendung genauso sicher ist und weder zu Nebenwirkungen führt (sofern nicht allergisch, aber auch da gibt es Alternativen) noch die Frau als „24/7 bereit“-Sexualpartner abstempelt? Ja. Das ist natürlich subjektiv. Und selbstverständlich gibt es mehr als genug Paare, die diese Art der Verhütung im gegenseitigen Einvernehmen als passend für sich gewählt haben. Ich will damit auch wirklich keinem auf die Füße treten. Mein Eindruck ist aber, dass viele Frauen diese „Freiwilligkeit“ nicht als die eigentlich optimale Lösung erachten, sondern einfach als die verbreitetste, sicherste (der Pearl-Index ist ja nunmal gut, ist halt so) und somit passendste. Der Pearl-Index ist bei Kondomen – richtig verwendet – aber nicht viel schlechter.

 

Alternativen, pls!

Meine Alternative lautet: Mal drüber reden. Denn es gibt durchaus den Fall, in dem Frau die Pille auch einfach nehmen will. Sollte das nicht der Fall sein, finde ich das Argument: „Mit Kondomen spürt man aber nix“ ziemlich infantil. Spüren tut man imho nämlich nur dann „nix“, wenn man sich ein bisschen arg optimistisch in seiner „Kleidergröße“ vertut. Empfehlenswert: Die richtige Größe finden!

Das Geld ist ebenfalls kein Argument: Die z.B. Valette kostet im Jahr 141,96. (Quartalspackungen)
Kauft man vernünftige Gummis von diesem Geld, bekommt man dafür ca. 150 Stück. Bei durchschnittlich 100 Akten im Jahr kann man da sogar noch eine Extrarunde einbauen. Super, oder?

Bei One-Nigth-Stands nur mit der Pille zu verhüten, ist ohnehin ziemlich dämlich. Aus dem Beweggrund also nur auf die Pille zu vertrauen, ist ohnehin eine ganz schlechte Idee. In einer langfristigen Partnerschaft kann man dann auch ganz toll miteinander üben. Will sagen: Kondome müssen nicht stören, sie können sogar ziemlich gut in das Liebesspiel involviert werden. Die Abneigung resultiert meiner Meinung nach nur aus mangelnder Praxis.

Meine Partnerin hat jedenfalls eine Entscheidung getroffen, die ich absolut gut und richtig finde und voll unterstütze. Wir haben relativ lange darüber gesprochen, Vor- und Nachteile abgewogen und ärztlichen Rat eingeholt.

Sie hat die Pille nun abgesetzt und wir werden sehen, wie sich alles entwickelt. Denn nach so langer Zeit muss sich der Körper natürlich auch erst wieder an die Umstellung gewöhnen. Man muss sich auch erst wieder daran gewöhnen, dass man auch in hitzigen Situationen zumindest für einen Moment einen kühlen Kopf bewahren muss. Aber: Das hat auch eine ganz eigene Magie. Etwas, das dann eben nicht mehr „inflationär“ ist. Immer verfügbar. Sondern etwas besonderes ist.

Warum schreibe ich nun diesen Eintrag, eigentlich? Aus zwei Gründen. Ich wollte ein Meinungsbild abliefern und vielleicht auch irgendwie dazu ermutigen, über das Thema zu sprechen. Wir reden alle viel zu wenig über Sex, Verhütung und alles was dazu gehört. Wir sollten das aber tun. Denn nur so schaffen wir eine aufgeklärte Gesellschaft, die wir meiner Meinung nach (insbesondere was das Frauenbild angeht) dringender brauchen, als je zuvor. Und weil ich – selbstverständlich – vorher mit meiner Partnerin gesprochen habe (sie weiß also natürlich von diesem Beitrag, alles andere wäre einigermaßen respektlos) und sie auch ihre Erfahrungen nach dem Absetzen der Pille einfließen lassen möchte. Ihre Beweggründe anführen will und berichten kann, was sich verändert.

 

Friekes Teil.

 

 

Pille? Nein, danke!

Nach 8 Jahren habe ich nun beschlossen, dass ich sie nicht mehr nehmen werde, dass es jetzt genug ist.

Warum?

Das sind viele Gründe, auf diversen Ebenen – medizinisch, „soziologisch“ als auch rein individuell betrachtet (die hier jetzt aber auch nur zum Teil angerissen werden können). Die Pille habe ich zum ersten Mal mit 14 Jahren verschrieben bekommen, da ich zu damaliger Zeit vor Schmerzen nicht mehr zur Schule gehen konnte und die Unregelmäßigkeit gepaart mit der Heftigkeit der Periode einfach nicht mehr zu ertragen waren. Nach wenigen Blisterpackungen hörte ich damals kurz auf, weil ich es nicht für notwendig hielt und auch da schon der Meinung war, dass der Körper nicht unbedingt mit Medikamenten belastet werden sollte, die er nicht braucht bzw. die in einen natürlichen Kreislauf eingreifen.

Leider musste ich da feststellen, dass es ohne Pille erst einmal nicht ging. Dazu kam natürlich auch allmählich der „Druck“ von außen, d.h. sowohl allgemein innerhalb der Gesellschaft (Frau – Mann), als auch innerhalb des Freundeskreises: Wer die Pille schon nahm, war eine Frau, also eine echte – jedenfalls wurde das indirekt vermittelt, zum Teil wohl auch so artikuliert. Und tatsächlich hat es den Umgang mit Jungs/Männern erleichtert, denn meistens kam zu Beginn die rhetorische Frage: „Die Pille nimmst du?“. Bejahte man, war alles Weitere kein Problem – im Gegenteil. Die Erleichterung wurde manchmal dann noch kommentiert mit den Sätzen „Kondome sind unbequem“, „Pille ist halt viel cooler, praktischer“, „hab keinen Bock Vater zu werden“ etc. – im Übrigen nicht nur persönliche Erfahrung, sondern im Austausch mit Frauen hört man diese männlichen Reaktionen häufiger. Die Pille zu nehmen erleichtert einiges (ob das nun als negativ oder positiv zu werten ist, insbesondere auf eine längere Sicht hin, ist individuell verschieden): Planbarkeit, Kontrollierbarkeit, größtmögliche Vermeidung einer Diskussion über Kinder und ein bisschen „Macht“.

Dass dabei die gar nicht mal so selten auftretenden Nebenwirkungen und Begleiterscheinungen eher totgeschwiegen werden, ist leider auch oft der Fall. Beispielsweise sollte man ja keinen Alkohol trinken, nicht rauchen und schon gleich dreimal nicht krank werden, sodass man ein Antibiotikum braucht (Was durchaus zu Auseinandersetzungen führen kann. „Jetzt Kondom? Nee, dann lieber nicht.“). Stattdessen stellt man sich also lieber brav den Wecker, um diese kleine Pille nicht zu vergessen oder aber die Panik ist groß, wenn man sie denn mal vergessen hat. Regelmäßige Arztbesuche, Kosten pro Monat – zusätzlich zu allen Hygienedingen. Und dann erst einmal überhaupt die Pille finden, die für einen am verträglichsten ist und medizinisch überhaupt wirksam ist! (Ich hatte insgesamt 4 verschiedene, bevor ich die richtige gefunden hatte – auch andere Alternativen hatte ich ausprobiert, die jedoch noch schlimmer waren) Das alles strengt an.

Ich für meinen Teil möchte die Pille nicht mehr nehmen müssen, aus den Gründen: Zumutbarkeit zu meinem Körper, Kostengründen, Nebenwirkungen und im positiven Sinne, weil ich mit Erleichterung endlich auf ein großes Verständnis gestoßen bin.

Die Pille mag in medizinischer Hinsicht notwendig sein, wie es auch bei mir anfangs der Fall war, allerdings sollte man abwägen, wann es medizinisch irgendwann nicht mehr notwendig ist. Man sollte bedenken, ob es Sinn trägt, dass man vorbeugend gegen eventuelle Schwangerschaften in einem Alter gewappnet sein möchte und man sollte bedenken, dass das Widernatürliche auch von beiden Teilen getragen werden sollte – in meinen Augen sollte das keine reine Frage der Frau bleiben (auch wenn es mittlerweile den Anschein macht, dass es das ist und viele Frauen aus „Macht“gründen und dem Weiblichkeitsgefühl heraus darauf beharren, dass es ihre Entscheidung ist). Und selbst wenn ich gerade erst die Pille selbst abgesetzt habe und die Nebenwirkungen der hormonellen Umstellung des Körpers extrem bemerke, möchte ich an dieser Entscheidung festhalten. Keine Künstlichkeit mehr, keine maschinelle Selbstverständlichkeit mehr gegenüber der „Gesellschaft“ und vor allem keine ernüchternden Nebenwirkungen mehr im Gesamthinblick. Das Bewusstsein für die Pille ist – alle revolutionären medizinischen Erkenntnisse der damaligen Zeit in Ehren – aber eben genau in jenem Erfinderjahr stehen geblieben.

Subjektiv betrachtet insbesondere in der Männerwelt, leider.

 

 

Ich (Dominik) beende auch diesen Blogpost wie üblich mit einem Zitat. In diesem Fall unbekannter Herkuft. Es trifft dennoch zu.

 

Bittere Pillen vergoldet man.