Von Nutten und Naiven.

CC BY 2.0 Quinn Norton

CC BY 2.0 Quinn Norton

Okay. Das wird einer der schwierigsten Blogeinträge, die ich jemals verfasst habe.
Nicht, weil es mir unangenehm wäre, über das Thema an sich zu sprechen. Sex und alles was damit zu tun hat ist eines der besten Themen, das man überhaupt besprechen kann, finde ich.
Schwierig wird das, weil man das, was man fühlt, nicht so ohne weiteres klar artikulieren kann. Genau dieses Artikulationsproblem hatte ich – glaube ich – als ich gestern bei der Beratungsstelle für Prostituierte in Nürnberg war.

Noch ein paar kurze Worte dazu, bevor ich erzähle, was ich meine. Der Verein heißt „Kassandra“ und ist nicht nur wichtig für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter, sondern auch informativ für Außenstehende. Will sagen: Wer sich in irgendeiner Form für das Thema Prostitution, Sexarbeit oder allem was damit zu tun hat interessiert, wird hier die meisten Fragen beantwortet bekommen. So er denn konkrete Fragen hat. Dazu aber später mehr. Naja. Ich fang mal an.

 

Geld oder Liebe?

 

Es ergab sich, dass mich eine Freundin und Parteikollegin aus Regensburg eingeladen hat den Verein zu besuchen. Da wir sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene Beschlüsse zu dem Thema haben, über die ich mir häufiger mal Gedanken gemacht habe, mich das Thema an sich interessiert und ich meine Fragen stellen wollte, habe ich mich entschlossen bei dem Besuch dabei zu sein. Wir waren etwa zu zehnt.
8 Menschen die Fragen hatten, 2 Menschen die bei Kassandra arbeiten.
Die Situation war locker, die meisten kannten sich auch schon von irgendwoher und überhaupt ist der Umgang mit dem Thema Sex – das beim Thema Prostitution natürlich immer mitschwingt – mittlerweile wohl nur noch in tiefschwarzen Regionen ein Tabu – und vermutlich selbst dort nur auf offener Straße. Will sagen: Es konnte alles gefragt werden. Wurde es auch. Aber zu Beginn wurde erstmal skizziert, was der Verein Kassandra tut, welche Aufgaben er hat und mit welchen Fragen, Wünschen und Problemen die Menschen (in über 90% der Fälle Frauen) an ihn herantreten. Steuerrechtliche Probleme, Schwierigkeiten mit Ämtern, Fragen zu Geschäftsmodellen. Und da begann schon ein bisschen mein Problem, wenn ich ehrlich bin. Denn die für mich eigentlich relevante Frage wurde nicht beantwortet. Funfact: Sie konnte auch gar nicht beantwortet werden. Sie lautete in Kurzform: Geld oder Liebe? Warum das nicht beantwortet werden konnte, erkläre ich später.

 

Objektiv richtig, subjektiv nicht greifbar.

 

Wer mich wirklich kennt, weiß, dass mich Hedonismus nicht abschreckt. Im Gegenteil. An und für sich finde ich Offenheit – auch sexueller Natur – durchaus legitim. Ich studiere Soziologie mit dem Schwerpunkt Beziehungslehre, eben weil mich interessiert, wie die Gesellschaft, unsere Erziehung und unser Umfeld die Beziehungen zwischen (zwei) Menschen beeinflussen. Und ich glaube es ist kein Geheimnis: (körperliche) Monogamie ist eine der größten Verzichtserklärungen, die man in vielen Partnerschaften unterschreibt. Und auch ein Grund, warum viele Beziehungen scheitern. Das mag beim ersten Lesen als „negativ“ von mir dargestellt sein, ist es aber gar nicht. Und nun beginnt es schon wieder schwierig zu werden, weil ich auch jetzt gerne 4000 Sachen gleichzeitig sagen will, sie aber nur schwer ausdrücken kann. Ich versuche es dennoch mal:

 

Ja, ich bin der Meinung, dass man Sex und Liebe trennen kann.
Ja, ich bin der Meinung, dass auch die Dienstleistung der Prostitution eben eine Dienstleistung ist.
Das war’s auch.
Ja, ich bin der Meinung, dass Prostitution ein (mehr oder weniger) normaler Beruf ist.
Es gibt aber auch andere Berufe, die mehr oder weniger normal sind.
Baukletterer zum Beispiel. Also, ich kategorisiere Prostitution nicht per se moralisch.

 

Ja, wenn ein Mensch sich prostituiert, weil er das für sich gut findet, die Kohle stimmt usw. dann finde ich das wunderbar für diesen Menschen. Jeder soll bitte, bitte so leben und arbeiten, wie er möchte.
Ja, Sperrbezirke abschaffen. Es ist albern, dass das so ghettoisiert wird. Es ist vor allem unnötig.
Nein, Zwangsuntersuchungen brauchen wir ganz sicher nicht.
Nein, unverhältnismäßige Razzien und verdachtslose Durchsuchungen sind nicht in Ordnung.
Aber, und dann knackt’s:
Nein, ich bin nicht der Meinung, dass der Großteil der Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter die Arbeit wirklich freiwillig machen.

 

 

So. Warum nicht? Sicher gibt es Menschenhandel in Deutschland. Sicher aber auch nicht in dem Ausmaß, wie es von Konservativen häufig dargestellt wird. Weswegen ich auch nicht auf den Menschenhandel eingehen möchte. Menschenhandel ist eine Straftat. Wenn man einen Menschen zu Sex zwingt ist das Vergewaltigung.

Punkt.

Da gibt es für mich auch nichts drum rum zu reden.

Was mir wirklich Bauchweh bereitet ist diese „Grauzone“ dazwischen.
So kenne ich zum Beispiel eine Studentin aus Würzburg. Sie jobbt nicht im Cafe. Sie sitzt auch nicht an der Kinokasse. Sie arbeitet gelegentlich für einen Escort-Service und begleitet Männer. Auch in’s Bett. Ihrer Aussage nach, weil sie nie leichter, schneller und auf schönere Weise Geld verdienen konnte. Ist das nun eigentlich Prostitution? Auch diese Frage habe ich gestern gestellt. Wirklich beantwortet wurde die Frage nicht. Denn offenbar ist es per Definition nur dann Prostitution, wenn es regelmäßig stattfindet und damit der Großteil des Lebensunterhaltes bestritten wird. Bei der Aussage der Studentin aus Würzburg habe ich folgendes Problem. Die Aussage ist eigentlich zwei Aussagen.

1. Ich mache das, weil es mir Spaß macht.
2. Ich mache das, weil es schnell und einfach Geld bringt.

Wäre es der erste Punkt, den sie als Hauptargument bringt, würde ich da voll mitgehen. Freut mich, wenn du es machst, weil du Spaß daran hast, in Rollen schlüpfen magst und so weiter. Cool. Aber das Argument des Geldes lässt das Argument des Spaßes für mich beinahe verschwinden. Es klingt wie die Legitimation es zu tun, obwohl man es vielleicht doch nur wegen des Geldes tut. Um eben nicht den Stempel der Gesellschaft aufgedrückt zu bekommen. „Hure“. Sieht man sich auf Portalen wie z.B. Kaufmich oder Romeo-Must-Com um, ist in beinahe allen Profilen zu lesen, dass es sich bei dem Angebot „nicht um Prostitution“ handelt, sondern man es „nur aus Spaß“ mache. Warum erwähnt man das so? Wenn man doch mit sich im Reinen ist, was die angebotene Dienstleistung angeht? Auch das ist eine wertfreie Frage, nicht falsch verstehen. Ich will es tatsächlich einfach nachvollziehen können. Ich will auch verstehen, warum es mittlerweile durchaus vorkommt, dass jemand seine Jungfräulichkeit versteigert. Einfach ob der monetären Situation? Aus Abenteuerlust?

 

Prostitution oder nicht Prostitution?

 

Da geht’s nun also los. Was ist denn eigentlich Prostitution wirklich? Wenn ich mit einer Person Sex habe (auf welche weise auch immer) die mich dafür bezahlt? Wenn ich vor der Webcam tue, was mir der oder die andere sagt und dafür bezahlt werde? Wenn ich Texte schreibe, mit denen ich meinem Gegenüber ein Kopfkino verpasse, wie es schöner nicht sein könnte? Diese Frage blieb – wie gesagt – eigentlich offen. Was ist Prostitution aber in der Gesellschaft? Wie wird sie dort definiert? Dazu gibt es relativ eindeutige Aussagen, die eben aus der Soziologie stammen: Wer Geld für sexuelle Handlungen bekommt, prostituiert sich. Ist das aber wirklich so? Ich weiß es nicht. Ich werde hier auch noch eine Weile zu keinem Ergebnis kommen, fürchte ich.

Nochmal zurück zum Thema, warum ich behaupte, dass die wenigsten Menschen sich freiwillig prostituieren:

Ich habe, wie ich erwähnte, kein Problem damit, wenn Menschen in gegenseitigem Einvernehmen was auch immer miteinander tun. Zu zweit, zu dritt, zu vierunddreißigst, mit Augenbinden, Gag-Balls und Andreaskreuzen oder ohne, in einem deckenhoch gefliesten Raum oder auf der Wiese. Feel free, find ich super.
Safe, sane, consensual. ♥

Ich habe aber ein Problem damit, wenn eine Studentin in der Prostitution (oder auch nicht Prostitution, ihr erkennt das Problem) das einfachere Mittel zur Selbstfinanzierung erkennt oder eigentlich kaum eine andere Möglichkeit sieht.

Und das sind wir wieder bei der Sache mit der Freiwilligkeit. Das hat nämlich Nuancen. Es gibt da nicht nur „Ich will das“ oder „Ich will das nicht“. Sondern es gibt eben auch: „Ich will das eigentlich nicht so gern, aber es geht schon, weil schneller und leichter kann ich kein Geld verdienen.“ Oder eben, und auch das hat sich verändert: „Ich will das machen, aber bestimmte z.B. Praktiken nicht.“ Warum hat sich das Verändert? Weil der Markt der Dienstleistung mittlerweile überschwemmt ist. Wenn man bestimmte Praktiken nicht anbietet, ist man ziemlich schnell raus, aus dem Geschäft. Und auch das ist für mich schwierig, nicht abwertend, nur schwierig: Ein Geschäft. Ein Job wie jeder andere. Der Blow-Job ist aber eben doch ein bisschen anders, als die Kinokarte. Intim, intensiv, der Mensch in völliger Nacktheit. Und vermutlich mutet das für mich nur deswegen komisch an, weil ich eben auch ein soziologisches Wesen bin, das irgendwie beeinflusst wurde.

 

Die Sache mit dem Frauenbild.

 

Ich versuche jetzt mal klar zu artikulieren, wo mein Problem liegt und wie mein Fazit aussieht.

1. Ich habe ein Problem mit dem Frauenbild, das sich durch die Prostitution manifestiert. Ich behaupte, dass bei vielen Empfängern einfach nur ankommt, dass sie für Geld bekommen, was sie wollen. Sie gehen zu einer Frau und können sie für Geld besitzen. Was faktisch natürlich falsch ist. Selbstverständlich suchen sich die Sexarbeiterinnen ihre Kunden aus. Das ändert aber (gefühlt) leider wenig an der Interpretation in der Gesellschaft. Was aber kein Fehler der Sexarbeiterinnen ist. Sondern der Gesellschaft, die sich lang genug hat einreden lassen, es wäre so. Gleiches gilt übrigens auch zu Teilen in der Pornografie. Deswegen bin ich extrem froh, dass wir in Bayern einen Programmpunkt zur Bildung haben, der Pornografie im Unterricht behandeln soll.

 

2. Ich möchte nicht, dass jemand, der auch nur im Ansatz daran zweifelt, ob er diesen Job nun machen soll oder nicht, sich dafür entscheidet den Job zu machen, weil ihm sonst die Kohle für z.B. das Studium fehlt. Wenn wir soweit sind, brauchen wir schlicht mehr Geld, was mich direkt zum BGE führen würde. Das ist allerdings auch kein Geheimnis mehr. Das wird die Prostitution nicht „ausknipsen“. Das soll es auch gar nicht. Es ist wichtig, dass es Prostitution gibt. Aber den Job sollen bitte auch nur die machen, die ihn machen möchten. Die Sache mit der Freiwilligkeit. Und wer jetzt sagt, dass auch nicht jeder gerne Kinokarten abreißt, verwendet meiner Meinung nach ein Scheinargument der völligen Gleichstellung. Ich bin der Meunung: Es gibt da einen Unterschied. Und man muss nicht alles vergleichen können. Man kann auch individuell bewerten.

 

3. Moralische Fragen bitte ernst nehmen. Das nämlich ist das, was mich am gestrigen Abend ein bisschen gestört hat. Ich versuche mich als Außenstehender nun schon zu informieren. Bekomme ein Mal zu hören, dass meine Ansicht naiv wäre. Ein mal, dass ich vielleicht noch zu jung sei, um das verstehen zu können. Diese beiden Aussagen stammten übrigens nicht von den Mitarbeiterinnen von Kassandra, sondern einer Besucherin. Es ist weder eine Frage von Naivität noch vom Alter. Und das führt mich dazu, warum meine Frage nach „Geld oder Liebe?“ gar nicht beantwortet werden konnte: Es ist subjektiv. So wie Kümmel. Die einen mögen ihn, die anderen nicht. Oder wie gelb. Die einen finden es schön, die anderen nicht. Oder mit Prostitution: Die einen können zwischen Sex aus Liebe oder zum Spaß und Sex für Geld unterscheiden, die anderen nicht.

 

Mein Fazit: Ich werde den „Tag des offenen Bordells“ nutzen und mir das alles einfach mal ansehen. Denn ich war bisher noch nie in einem Bordell. Ich will aber wissen, wie es da so zu geht, wer die Menschen dort sind und so weiter.
Das baut vielleicht auch die Sorgen (ich verzichte auf den Begriff Vorurteil, weil ich niemanden verurteile, der Sexarbeit nachgeht, warum auch) die ich habe ab. Ich wünsche mir aber auch, dass gerade den Menschen wie mir, die eben mit diesen Sorgen zu kämpfen haben und sie sich auch ernsthaft machen mit entsprechender Ernsthaftigkeit begegnet wird. Und nicht, dass man mit dem Satz: „Das ist ein Beruf wie alle anderen auch“ abgespeist wird. Es mag sogar so sein. Das in den Köpfen aber umgesetzt zu bekommen erfordert Aufklärungsarbeit. Und die ist nur durch einen inhaltlichen Diskurs möglich. Mir geht es nämlich nicht darum, dass ich finde, dass Sex etwas ist, das in’s Schlafzimmer von Frau und Herr Zimmermann gehört, ganz im Gegenteil. Mir geht es darum, dass jeder das tut was er will. Und nicht nur halb tut, was er will und halb tut, was er wohl irgendwie doch muss.

Abschließen werde ich das jetzt mit einem Zitat. Dazu kann sich ja dann jeder denken, was er möchte.

 

Ich bin für das Beibehalten des Handkusses.
Irgendwo muss man ja schließlich anfangen.

– Sacha Guitry