CC Michael Mertens

CC Michael Mertens

 

Die Schleusen des Lebens

 

Das wird dann wohl der erste Eintrag, der unpolitisch ist. Zumindest fast. Die ersten Zeilen sind dennoch ein klein wenig von der Politik geprägt. Was aber eher mit dem Eintrag, den ich hier gerade formuliere, zu tun hat.
Ich habe tatsächlich darüber nachgedacht, ob ich das überhaupt tun soll. Denn eigentlich ist das ja die Homepage, die ich auf allen Kandidatenportalen und bei allen Wahlprüfsteinen angebe. Will ich also, dass der potentielle Wähler meinen unpolitischen Gedanken lauschen kann? Ich habe mich entschieden: Jein. Es ist mir eigentlich egal. Ich kann Politik und Privates nicht trennen, weil ich auch privat sehr politisch bin. Das bin ich, das missfällt mir und anderen bisweilen, aber so bin ich eben. Deswegen nun der Blogbeitrag.

 

 

Von Wahlkampf und Mücken

 

Versprochen: Das ist jetzt auch das Letzte, das an Politik erinnert. Der Wahlkampf läuft. Am 15. September sind Landtags- , am 22. September Bundestagswahlen. Wir haben Chancen. Große Chancen. Etwas zu verändern, das wirklich essentiell ist. Und das ist – für den Außenstehenden vielleicht nicht immer ganz nachvollziehbar – weit mehr, als nur Schwerter an Infoständen basteln und „Gefällt mir“ Buttons bei Facebook penetrieren. Das hat – zumindest in meinem Fall – durchaus auch etwas mit Angst zu tun – was passiert, wenn es klappt? Was, wenn nicht?  Mit Vorfreude – endlich die parlamentarische Möglichkeit aktiv zu werden. Das ist etwas großes. Aber bei all dem muss ich – und neben mir unglaublich viele andere, die ich kenne – gut auf mich aufpassen. Wenn ich mir überlege, wie viele „alte Freunde“ ich auf der Strecke gelassen habe, um mich voll und ganz einer völlig anderen Sache zu widmen, löst das ein Gefühl zwischen Traurigkeit und Wut aus. Letztlich hätten mich viele derer, zu denne ich kaum mehr Kontakt habe, auch einfach unterstützen können. Ich hätte nie gedacht, dass das wirklich einen Unterschied macht, was ich tue.

Ich habe mir irgendwann mal geschworen, dass man mir alles nehmen kann. Aber dass ich mir meine Freiheit immer bewahren werde. Das hat sich jetzt – mal wieder – in einem Motorrad manifestiert. Klingt komisch, ist aber so. Seit 13 Jahren fahre ich regelmäßig diese Dinger. Und mich hat in meinem Leben fast alles irgendwann gelangweilt, außer Motorrad fahren. Ich weiß nicht, ob das für andere, die nicht fahren, nachvollziehbar ist. Aber wenn die grüne Lampe des Leerlaufs nach dem Umdrehen des Schlüssels anspringt, der Motor unter dem Körper das Summen beginnt und man langsam los fährt, ist das glaube ich genau diese Freiheit, von der ich spreche. Für mich geht das Fahren immer mit Beobachten einher. Ich beobachte alles sehr genau. Die Wälder und Landstraßen die ich hinter mir lasse, die kleinen Mädchen und Jungen am Straßenrand, die beinahe neidisch dreinschauen und sich in dem Moment vermutlich denken: „Wenn ich mal groß bin, kauf ich mir auch ein Motorrad!“ Es klingt beinahe böse und zynisch, aber ich beobachte sogar, wie es immer mehr Mücken werden, die das Visier des Helmes irgendwann beinahe undurchsichtig machen, wenn man lange genug gefahren ist. Die Luft, die man bei all dem einatmet, ist anders, völlig anders, als zum Beispiel bei einem Spaziergang. Die besten Worte, die ich dafür finden kann sind wohl: „Der Weg ist das Ziel.“ Verrückt, dass man das alles mit einer Maschine in Verbindung bringt. Die soll aber auch nur einleiten. Denn eigentlich will ich über Schleusen reden.

 

Ich habe eine Affinität zu Wasser. Und zu Schiffen. Sogar eine extreme. Ich mag dabei aber keine Yachten oder Sportboote, sondern ich liebe diese riesigen Last-, Fracht-, und Containerschiffe. Das hat glaube ich viel mit „unterwegs sein“ zu tun. Das war vermutlich auch der Grund, warum ich als Junge den für ein Kind wohl recht ungewöhnlichen Berufswunsch des Binnenschiffers hatte. Da ist es wieder. „Der Weg ist das Ziel.“ Das gilt irgendwie auch hier. Der Unterschied zur Straße und der Freiheit auf dem Motorrad ist, dass man sich als Motorradfahrer wohl einredet, man hätte alles unter Kontrolle. Ich weiß nicht, ob das bei einer Schiffs-Crew auch so ist. Ich habe vor Wasser jedenfalls den größtmöglichen Respekt. Und jetzt führe ich eines zum anderen: Ich ertappe mich dabei, dass ich fast jedes Mal, wenn ich auf mein Motorrad steige, zu einer Schleuse fahre. Ich hoffe dann immer, dass ich zusehen kann, wie gerade ein Schiff durchgeschleust wird. Wer sich das noch nicht angesehen hat, sollte das unbedingt nachholen. Das geht auch nicht mit einem YouTube-Video. Das muss man live gesehen haben. So viel Kraft, so eine bedrohliche, beinahe beängstigende Kulisse für ein von Menschenhand geschaffenes Schauspiel sieht man wirklich nur äußerst selten. Und jedes Mal, wenn ich bei dieser Schleuse bin, beginne ich ein wenig zu sinnieren.

 

 

Was Schleusen und Menschen gemeinsam haben

 

Gut, zugegeben, man kann mir nach all dem Gesabbel hier vermutlich attestieren, dass ich eine seltsame Auffassung von Freiheit habe. Motorräder und Schiffe. Und man kann vielleicht auch sagen, dass ich ab und an ein wenig in Melancholie abdrifte. (Die ich aber tatsächlich brauche. Melancholie ist unsagbar wichtig – für jeden, behaupte ich) Dennoch will ich diesen beinahe triefenden Vergleich zwischen Menschen und Schleusen ziehen. Denn es gibt da weit mehr Parallelen, als man sich auf den ersten Blick bewusst macht. Welche Aufgabe hat eine Schleuse? Trivial gesagt Höhenunterschiede zu überwinden, sich zu öffnen und zu schließen. Wenn die Schleuse sich nicht öffnet, kann kein Schiff hindurch fahren. Wenn ein Schiff nicht mehr weiter kommt, kommen alle anderen dahinter auch nicht weiter. Die Frage, die man sich nun  z.B. stellen kann, ist, welche metaphorische Figur diese Schleuse nun eigentlich einnimmt. Die von anderen Menschen? Oder von uns selbst? Das muss dann jeder für sich selbst entscheiden. In Meinem Fall bin ich die Schleuse. Ich möchte eine Schleuse sein, die sich oft und schnell öffnet. Denn ich möchte viele Schiffe sehen. (Erwähnte ich, dass ich Schiffe mag?)

Aber was sind dann in meinem Fall die Schiffe? Menschen? Oder kann man das vielleicht gar nicht definieren? Ein Schiff könnte ein Mensch sein. Ein anderes Schiff zum Beispiel ein Problem. Oder ein freudiges Ereignis. Fakt ist: Eine Schleuse wird sich immer öffnen. Sie muss die Schiffe durchlassen. Was auch immer es für ein Schiff sein mag. Ein fröhliches Schiff, ein trauriges Schiff, eine nette Crew oder gar „Piraten“. (Argh!!11!)

Bevor ich nun völlig abdrifte komme ich zu meinem Fazit, warum Schleusen wie Menschen sind:

Wir haben keine Wahl. Alles – jede Situation und jeder Mensch – das uns im Leben begegnet, hat irgendwie Einfluss auf uns. Und wird irgendwelche Spuren hinterlassen. Wie ein Schiff an der Schleuse. Man kann sich nun darüber ärgern, dass das Schiff einen schwarzen Strich an der Schleusenwand hinterlassen hat. Oder sich darüber freuen. Denn man hat die Erinnerung daran, welches Schiff das gewesen ist und kann sich vielleicht so besser vorstellen, wie das Schiff ausgesehen hat. Oder man nutzt einfach die Zeit, in der das Schiff umgesetzt wird. Und freut sich, dass man diese Zeit mit dem Schiff verbringen kann. Und doch gehört es auch dazu, manche Schiffe zu vergessen. Man sieht viele Schiffe. Man kann sich unmöglich alle merken, an alle erinnern und alle Teil der Gedanken sein lassen. Man wird sich irgendwann von manchen Schiffen trennen müssen.

Letztlich will ich mit diesem Monolog zwei Dinge sagen:

 

1. Passt auf eure Freiheit auf. Auch die Arbeit FÜR die Freiheit, kann einen sehr schnell unfrei machen.
Das ist gefährlich.

 

2. Öffnet sie, die Schleuse. Seid froh um die Schiffe, die euch begegnen, egal ob groß oder klein und welche Spuren sie hinterlassen. Jedes Schiff ist irgendwie „gut“. Es ist ja ein Schiff, gell?

 

 

P.S. In diesem Text wurde 28x das Wort „Schiff“ verwendet. Ihr solltet nun alle wissen, wie wichtig Schiffe eigentlich sind. Damn. 29.