Ich bin nun schon eine Weile unterwegs, im Zuge der Piraten, fahre zu Stammtischen, zu Infoabenden, zu offenen Diskussionsrunden.
Wer sind die Piraten, was machen die eigentlich so. Wir haben uns für Mittelfranken eine Präsentation gebastelt, in der wir auch Vorurteile uns gegenüber ausräumen. Kostenlose Drogen für alle, kostenloser ÖPNV mit persönlichem Fahrer, BGE in Höhe von 4.500 € für jeden und, natürlich, die gute alte Nazikackscheisse.
In der Regel klappt das alles ganz gut. Die Diskussionsrunden danach folgen mittlerweile aber einem irgendwie immer gleichen Muster.
Und das geht mir langsam auf den Keks.

Ihr müsst aber auch…

Es ist eigentlich immer das gleiche Schema. Die Diskussion nach der Präsentation flammt auf, was super ist. Dann sagt irgendjemand den Satz:
„Ich bin mittlerweile bei den Piraten, weil ich mir gedacht hab, man muss auch selber mal aktiv werden. Nicht immer nur daheim rumsitzen“. Soso.
Der nächste folgt und meint: „Das mit den Piraten ist schon wichtig, eine gute Protestpartei“. Das ist dann schon der Moment, in dem ich etwas nervös werde, meine Hände beginnen zu schwitzen.
„Ja, das stimmt ja. Aber ihr müsst euch auch endlich zu außen- und wirtschaftspolitischen Themen äußern“, schallt es dann aus der Ecke hinten links. Der gute Mann ist, nach eigener Aussage, aber schon seit 2009 Mitglied.
Auf die Frage, ob er denn eine Idee hätte, wie man sich da positionieren sollte, kommt ein „Naja, nö, ich hab ja von Wirtschaft keine Ahnung.“ Achso, hm, blöd.

Ich bin schon seit langer, langer Zeit politisch aktiv!

Nachdem die Runde sich also einig ist, dass die Piraten wichtig und gut sind, kommt man auch darüber überein, dass es wichtig ist aktiv mitzumachen.
So wie heute, zum Beispiel, beim Stammtisch. Oder Infoabend. Ja, das ist sehr wichtig, sagt man.
„Nächste Woche ist auch Infostand, da werden auch noch viele Hände gebraucht, hat wer Lust?“ Stille. Mensch, das Bier ist gut. Und das Schnitzel erst. Aber warum starren da alle so drauf?
„Ich hab da leider keine Zeit. Da ist Fußball“. Achso, ja, stimmt. Die EM. „Ja, und ich hab da einen Termin. Den kann ich auch nicht verschieben, sonst wär ich natürlich dabei“. Naja, klar. Termine sind ja wichtig. Gott sei dank haben wir keine. „Also, auf Infoständen kann ich nicht helfen, ich kann nicht so gut mit Menschen umgehen“. Gutes Argument. Gott sei Dank ist der Rest in der Partei rhetorisch bestens befähigt.
Okay. Also, der Infostand wird dann mal wieder von den üblichen Verdächtigen besetzt. Nächstes Mal klappt es bestimmt bei jedem, dann.
„Ich muss jetzt aber auch nochmal was sagen“ meint der ältere Herr am Tisch ganz vorn. „Ich bin jetzt seit vielen, vielen Jahren politisch aktiv, ich kenn mich da hervorragend aus. Ihr macht einen ganz entscheidenden Fehler!“, wirft er ein. Wieder dieses „ihr“. Er ist auch schon seit 2011 an Bord, berichtet aber dennoch weiter, was „wir“ so falsch machen. „Ihr seid ja nur im Internet! Die alten Leute, so wie ich, die verstehen das nicht! Die können sich euch gar nicht anschließen! Für mich ist das jetzt kein Problem, ich weiß wie man E-Mails bedient.“ Oh. Okay. Super! Bedient? Egal. „Ihr habt da auch in den Mails manchmal Ausdrücke drin, die versteht keiner. Da braucht man ja ein Lexikon. Ihr müsst da schon mehr auf die alten Leute eingehen!“ Naja. Irgendwo hat er ja Recht. 1337, 42, Gate, Flausch, roflcoptergtfo. „Kennst du denn die AG Senioren? Die haben sich genau das zur Aufgabe gemacht. Vielleicht wär das mal ganz interessant?“ „Das ist genau was ich meine!! Genau DAS!!11!1 AG! Was soll das sein, eine AG? Ihr immer mit eurer Computersprache!“ Oh. Sorry. „AG. Eine Arbeitsgruppe. Da sitzen dann mehrere Menschen zusammen und diskutieren über diese Probleme.“ „Ach, so ein Blödsinn. Was soll denn das bringen?“

In der Regel ist das der Moment, in dem ich innerlich resigniere.

Macht’s gut, und danke für den Fisch…

Ja, wir haben haufenweise Lücken in der Partei. Wir haben keine klare Position zur Außenpolitik. Wir haben noch keine klaren Ansätze zu Wirtschaftsthemen insgesamt.
Wir haben aber auch haufenweise Themen, die durchaus Hand und Fuß haben. Wir haben viele Mitgleider, die sich mit vielen Themen bereits intensiv gefasst haben.
Natürlich müssen wir versuchen jung und alt anzusprechen, natürlich findet ein Großteil der Kommunikation im Netz statt. Und das ist richtig und gut! Und wir können und werden auch nicht einfach mal die Sprache der Kultur, aus der die Partei entstanden ist kurzerhand umwerfen, nur weil so mancher keine Motivation hat, sich zumindest ein kleines bisschen damit zu beschäftigen.
Und ja, wir sind uns auch dessen bewusst, dass wir noch mehr Präsenz in der Öffentlichkeit brauchen. Die werden wir aber nur dann bekommen, wenn man nicht auf sein Schnitzel und sein Bier starrt, weil man eigentlich keine Lust hat, das Eröffnungsspiel der EM zu verpassen. Und die werden wir auch nur dann bekommen, wenn man nicht immer von „ihr“ und „euch“ redet. Sondern von „wir“ und „uns“. Dieses „Mitmachpartei“ bei „uns“ ist nicht das Gleiche, wie das, bei der SPD. Wir erwarten von „unseren“ Mitgliedern wirklich, dass sie mitmachen. Und „wir“ haben auch Termine. Und „wir“ wollen auch manchmal lieber Fußball gucken. Ist halt dann mal nicht. Muss man halt „auch selber mal aktiv werden. Nicht immer nur daheim rumsitzen.“ Also bitte: Konstruktive Vorschläge sind toll. Aber es gibt noch immer diese Sache mit der Hol- und Bringschuld. Ich fordere dann einfach nochmal dazu auf:
Setzt „euch“ dann bitte mit dem auseinander, was „wir“ anbieten. Wenn „ihr“ tolle Vorschläge habt, dann her damit! Aber ein Mal im Monat auf den Stammtisch zu kommen und zu erzählen, wie viel Erfahrung man doch hat, ist so zielführend wie ein Straßenschild, das in zwei Richtungen zeigt.

LG

Pinny